Ich-Entwicklung im Leben

 

„Denn die Wirksamkeit des Gedankens ist Leben“ G.W. F. Hegel

Ich Entwicklung Begleiten in Krisenzeiten

Die Überschrift ist doppelt gemeint. Sie meint unsere kleine Reihe von Austauschtreffen zum Thema Ich-Entwicklung (Ich Entwicklung Begleiten), sie meint natürlich auch das gegenseitige Begleiten in diesen Zeiten und das Begleiten von Menschen, mit denen man im Leben verbunden ist. Nachdem wir zwei Treffen abgesagt hatten, haben wir uns dann jetzt wieder getroffen – mit Hilfe von Kamera und Mikrofon und Bildschirm. Es ist natürlich, neben dem Austausch, wie es einem ergeht und ergangen ist, auch ergiebig für unsere Forschungsfragestellung, mit unserer Perspektive der Ich Entwicklung in die unterschiedlichen Lebenssituationen hineinzuschauen. (Meine Frage, wie sich das Ich im Bereich des Denkens und damit des Bewusstseins bewegt und zeigt, habe ich im vorigen Beitrag bereits untersucht). Man kann jede Lebenssituation natürlich unter ganz unterschiedlichen Blickwinkeln befragen. Mir ist es wichtig mit Hilfe einer konkreten persönlichen Intention und eines Motives, das einem auch deutlich ist, in die jeweilige Situation hineinzugehen. Es geht hier also nicht um eine allgemeine Betrachtung. Die Perspektive hier ist anthropologisch, also die Frage, welche menschenkundlichen Phänomene sind wahrzunehmen, wenn das Leben vieler Menschen in ganz bestimmter Weise sich verändert. Das Ergebnis sei auch gleich zu Beginn vorweggenommen. Es ist am Ende des letzten Beitrages auch schon angedeutet. Es geht um eine mögliche Individualisierung des Lebens, der Lebensprozesse als ein wichtiger Entwicklungsschritt. Markus Gabriel unterscheidet in seinem neuen Buch ‚Fiktionen‘ zwischen einer Wissenschaft des Lebendigen und der Biologie, als einer Wissenschaft lebendiger Systeme und Systematik. Um eine solche Wissenschaft des Lebendigen geht es auch hier.

 

In unserem Austausch (am 6.6.2020) wurden von den TeilnehmerInnen sehr unterschiedliche Phänomene beschrieben, die sie in den letzten Wochen bemerken konnten. Darunter waren Wahrnehmungen oder auch Empfindungen wie, dass man mit einem schärferen Blick in die Welt schaut, alles ein wenig auf den Prüfstand kommt, vor allem Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch eigene Lebensvollzüge und Gewohnheiten. Ein Gefühl der Beengung verbunden mit einem Gefühl der Entschleunigung und gleichzeitiger Anspannung usw. Das Gefühl alles ichgeführter tun zu müssen, weil die automatischen Lebensvollzüge durchbrochen sind (auch die Arbeitssituationen alle surreal verfremdet erscheinen). Alle diese Phänomene, und man könnte hier noch viel mehr aufzählen, verweisen auf eine tiefe Irritation in einem Bereich, der normalerweise eher schlafend oder träumerisch den Hintergrund unseres Lebens bildet. Die Lebensprozesse, sowohl unseres engeren ‚Leibes‘, wie auch die unsere Umgebung ‚ als ‚weiteren Leib‘ gedacht, haben nicht nur die Aufgabe alle Lebensfunktionen zu garantieren, sie bilden auch eine Art Basis, und gleichzeitig das Resonanzorgan des ‚Selbstgefühls‘ (ein von Klünker aktualisierter Begriff von Hegel). Das Selbstgefühl ist Ausgangspunkt und Zielpunkt aller einzelnen Empfindungen und bildet so auch den Übergang von Bewusstsein ins Leben und Leben ins Bewusstsein. Gabriel beschreibt dieses Übergangs-Organ im 2. Teil von Fiktionen ‚Mentaler Realismus‘ so:“ Wenn das Lebewesen, das wir sind, sich einiger seiner organischen Zustände phänomenal bewusst wird, dient diese Form des Bewusstsein teilweise der Selbststeuerung des Lebewesens. Dabei ist diese Selbstbeobachtung keineswegs infallibel. Sie kann auf vielfältige Weise gestört werden. (…) Ähnliches gilt für andere jedem bekannte Beispiele des phänomenalen Bewusstseins wie Hunger, Durst, sexuelles Begehren usw. In jedem Moment unseres bewussten Lebens (wozu natürlich auch das Träumen zählt), registrieren wir nicht nur Tatsachen vom Standpunkt eines gleichsam aussagenden, prädizierenden logischen Ich. Vielmehr wären wir niemand, hätten keinen einpersonalen Standpunkt, wenn wir das Hintergrundrauschen unseres Organismus nicht in der Form komplexer phänomenaler Sinnfelder registrierten, die jeweils heterogene Reizquellen zur flexiblen Einheit eines erlebten Augenblickes zusammenführen.“ (Hervorhebung von mir – das ist die modernisierte Aussage Hegels. Markus Gabriel, Fiktionen S.265). Steiner hat in seinen Leitsätzen (Leitsatz 11 ff), was ich ja in unserem Buch Psychologie des Ich herausgearbeitet habe, einen solchen leiblichen Ich-Hintergrund bewusst gemacht. Nach jeder Wahrnehmung, die eine gewisse Zerstörung der leiblich-seelischen Einheit bedeutet, wird dieser Zusammenhang vom Organismus wieder hergestellt und vom Menschen als Ich erlebt. Dieses Ich-Erlebnis besteht natürlich in der Ausgleichstätigkeit des Ich im Organismus, das sich in der Reaktion diesen Eindruck einverleibt und damit integriert. Steiner spricht explizit vom einem lebendigen Bild des Ich (im Organismus). Man könnte dieses Bild als eine Art Endstufe des gesamten Ich-Prozesses ansehen, der natürlich seelisch und geistige geformt ist und geformt werden muss. Das Bild ist gewissermaßen das Ergebnis sowohl vergangener, wie auch aktueller seelische und geistiger Aktivität. (siehe hierzu ausführlich ‚Psychologie des Ich‘ der Beitrag von mir, und das Kapitel ‚Empfindung und Gefühl: eine Begriffssklärung – Georg Friedrich Wilhelm Hegel‘ von Wolf-Ulrich Klünker, S. 160 ff „Im Selbstgefühl integrieren sich also alle einzelnen Gefühle. Die Empfindungen verdichten sich zum ‚Urteil‘, zu einem Empfindungsurteil, durch das sich die Individualität im Gefühl ihrer selbst bewusst wird.“)

 
Was im letzten Beitrag als ‚überschüssige (Denk)Kraft‘ skizziert wurde, beschreibt ein Potential, das eigentlich darauf wartet, diesen bisher mehr träumerischen oder auch schlafenden Bereich des Lebens zu individualisieren. Dies beginnt natürlich mit der Individualisierung der eigenen Denkprozesse, wobei hier individualisieren nicht meint, jeder denkt was er will, sondern die ganz eigene und persönlich erarbeitete Durchdringung des eigenen Denkens zu einem ‚Wahrheitsgefühl‘. Dies selbst erarbeitete ‚Wahrheitsgefühl‘ ist das eigentliche menschenkundlich relevante Entwicklungsergebnis wissenschaftlicher Bemühung. Weil dieses Wahrheitsgefühl wird zur leitenden Empfindung auch in seelische Erlebnisse und in Lebensprozesse hinein. Die in der heutigen Gesellschaft zu beobachtenden Versuche Gefühle und Lebensprozesse quasi von außen zu personalisieren und zu individualisieren, mit Hilfe von allgemeinen rationalen wissenschaftlich objektiven Maßnahmen (Stichwort ‚Selbstoptimierung‘) taugen für eine solche wirkliche Individualisierung natürlich wenig, bewirken möglicherweise eher das Gegenteil, wie man an Selbstbildorientierungen an bestimmten Vorbildern sehen kann. Diese Versuche blenden in der Regel die eigene Entwicklung aus und damit das eigene vorhandene ‚Ich-Material‘, das ja gebraucht wird für die Entwicklung.

 
In Zeiten, in denen durch äußere Krisen das gewöhnliche Alltagsleben für die meisten Menschen in vielen Bereichen wie aufgehoben oder zumindest wie durchlöchert wird, wird dieses Leben als Entzug oder gestörtes Leben ähnlich bewusst, wie beim Erleiden von Schmerz, weil ein Organ nicht funktioniert. Wenn dann ganz plötzlich jemand sein ganzes Alltagspensum an Arbeit verliert, dann erlebt er in der Negation plötzlich auch welche Belastung und welcher Druck auf ihm die ganze Zeit gelastet hat. (Eine Teilnehmerin berichtet, die Lehrer wären sich plötzlich darüber bewusst geworden, dass sie ganze Zeit eigentlich völlig am Anschlag gearbeitet hätten). Etwas allgemeiner könnte man auch formulieren, dass unsere Gesellschaft oder auch wir Menschen im Einzelnen aktuell gar nicht mehr bemerken welche Mengen von ‚Stoff‘ wir in jeder Hinsicht uns zur ‚Verdauung‘ und Verarbeitung zumuten. Eine gewisse Tendenz zur ‚inhaltlichen Bulimie‘ ist allgemein, aber auch persönlich zu bemerken. Es ist ja bekannt, dass solche Tendenzen dafür sorgen, dass sich das Zeitgefühl dahingehend beschleunigt, dass man einerseits das Gefühl hat allem gar nicht hinterherzukommen, und andererseits Zeiten ohne Inhalt als quälend erlebt werden. Das erzwungene Aufwachen an der Grenze zwischen Leben und Bewusstsein muss deshalb nicht als angenehme Situation erlebt werden. Ein solches Erwachen im Leben könnte aber tatsächlich als Möglichkeit erlebt werden, diese Lebensprozesse kennenzulernen und genauso ernst zu nehmen wie die scheinbar vordergründig zu beherrschenden Bewusstseinsprozesse. Und man könnte anfangen zu experimentieren in beiden Bereichen zu erforschen, welche Bewusstseinsprozesse eigentlich lebensnäher sind und welche eigentlich lebensfremder sind. Der von Wolf-Ulrich Klünker entwickelte Begriff der ‚Empfindung nach dem Denken‘ beschreibt ja eine Empfindung, die am Wahrheitsgefühl des Denkens zu eigener Wahrheitsfähigkeit gekommen ist. Und eine solche Empfindung des Denkens ist natürlich lebensnäher, weil eben empfindend, und damit mit funktionswirkend im Organismus, und kann dadurch diese Lebensprozesse aktualisieren und individualisieren, ohne dies von außen zu tun. Eine innere Formwirkung durch einen entsprechenden Empfindungsorganismus. Diese im eigenen Organismus sich realisierende Entwicklung ist gleichzeitig Ausgangspunkt aber auch die einzige Wirklichkeit für Entwicklungen in der Umgebungsnatur. Ein solches Empfinden ist insofern imaginativ und verwandelt die überschüssigen Denkkräfte, weil es gewissermaßen ähnlich wie das Denken Zukunft antizipieren kann. Es sind natürlich Erfahrungsempfindungen, diese sind aber im Gegensatz zu Erinnerungsempfindungen nicht auf konkrete Einzelsituationen und Bedingungen fixiert, sondern freier. Ein solches Empfindungsleben ist natürlich angewiesen auf einen permanenten geistigen Ich-Prozess, der die Kraft aufbaut, damit das Empfinden nicht zu sehr an die Vergangenheit und damit an das aktuell Gegebene gebunden ist, sondern empfindungsfähig für die Zukunft bleibt. Ich-Entwicklung in dieser Vertiefung ist ein ganz neues Forschungs- und Lebensgebiet. Damit würde der oben vorangestellte Satz Hegels eingelöst, das aus dem Denken Leben wird, das Denken also weniger die Aufgabe hat Leben abzubilden oder zu deuten, als neues Leben möglich zu machen.
Roland Wiese 7.6.2020

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