American Geography

Matt Black

American Geography

In den Deichtorhallen in Hamburg werden zur Zeit (25.9.20 – 3.1.21) zwei Fotoausstellungen amerikanischer Fotografen gezeigt. Jerry Berndt (1943-2013) zeigt die Zeit der sechziger und siebziger Jahre; Matt Black (geb.1970) ist durch das ganze Land gereist und zeigt seine Bilder aus dem Amerika der letzten Jahre. Im Anschauen der Bilder und der zwei Arten des Sehens und Fotografierens wurde mir der Unterschied deutlich, der sich zwischen diesen beiden Fotografen zeigt, der aber möglicherweise repräsentativ ist für eine Entwicklung, die sich in der Zeit zwischen 1960/70 und heute vollzogen hat. Meine Perspektive auf die Bilder und ihre Schöpfer hat vielleicht wenig mit den Intentionen der Fotografen selbst zu tun. Aber schon der Titel der Bilder von Matt Black: ‚American Geography‘,- spricht von  der Schicht einer Wirklichkeit, die ich in seinen Bildern glaube sehen zu können. Natürlich knüpfen seine  dokumentarischen  (?) Bilder an eine Bildtradition amerikanischer Fotografen an, die im letzten Jahrhundert immer wieder das amerikanische Leben jenseits der glamourösen Oberfläche gezeigt haben. Aber gerade die Gegenüberstellung von Bildern aus den siebziger Jahren mit Bildern von heute kann einen charakteristischen Übergang aufzeigen.

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Detroit, 1970. Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020

Während Jerry Berndt als politischer Fotograf der siebziger Jahre Menschen abbildet, die sich in bestimmten Situationen befinden, in bestimmter Umgebung, in bestimmter politischer Aktion, in bestimmter Freizeitaktivität usw. also Subjekte in Gegenüberstellung zu Umgebungen, zeigen sich die Menschen in den Bildern von Matt Black als Teil der Umgebung. Sie sind Teil der Landschaft, sie sind wie hineingewachsen in ihre Umgebung, mit ihr verbunden, und umgekehrt, ist auch die Umgebung mit ihnen bis in den seelischen und physischen Ausdruck hinein verbunden. Die amerikanische Geographie, die Matt Black mit der Kamera und dem Tagebuch erforscht hat, ist auch die Geographie des amerikanischen Menschen. Vielleicht nur eines ganz konkreten Teils der amerikanischen Menschen, der Armen und der am Rande lebenden Menschen. Anthropologie und Geographie kommen in eine starke Verbindung. Sie sind nahezu identisch. Wo bei Jerry Berndt noch im Gegensatz oder zumindest in  der Differenz zwischen Subjekt und Umgebung so etwas lebt wie Zukunftshoffnung, Offenheit für Veränderung, Widerstand, sind in den Bildern von Matt Black Mensch und Umgebung  identisch geworden.

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Downtown, Fulton, Kentucky, USA, 2017 © Matt Black/Magnum Photos

Matt Black hat 2014 zuerst in seiner „direkten Umgebung“ im kalifornischen Central Valley angefangen die Orte (und Menschen) zu fotografieren. „Ich habe mein gesamtes Leben hier verbracht. Es ist eine Region, die nicht vom großen amerikanischen Mythos repräsentiert wird und dessen Alltagsrealität von den meisten Menschen nicht akzeptiert und sogar ignoriert wird. Es ist eine der ärmsten Regionen in den Vereinigten Staaten. Sehr ländlich, landwirtschaftlich geprägt und sehr heiß.“ Danach ist er auf eine mehrmonatige Reise durch das Amerika dieser armen Orte und Regionen gegangen, und danach noch weitere vier Mal.

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Downtown, Fulton, Kentucky, USA, 2017 © Matt Black/Magnum Photos

Im Interview (auf der Homepage der Deichtorhallen)äußert er sich zu seiner Intention: „Wie haben Sie ihre Bildsprache für dieses Projekt entwickelt? Sie zeigen ja ganz bewusst keine Klischeefotos von Armut.Ich denke nicht wirklich in solchen Kategorien und setze mich auch nicht hin und entwickle eine visuelle Strategie. Es war mir aber schnell klar, dass ich meine Erfahrung und meinen Standpunkt, an so einem Ort zu leben, kommunizieren will. Ich repräsentiere in meinen Fotografien eine bestimmte psychologische und mentale Geografie.“

Eine psychologische und mentale Geographie, also eine biographische (menschliche) Geographie. Aber diese psychologische Geographie zeigt sich nicht als Gefühl, wie noch in den Bildern aus den siebziger Jahren (u.a. bei Jerry Berndt, siehe auch meine Fotos aus den Siebzigern in diesem Blog ‚Leverkusen 1975‘), sondern diese Psychologie und Biographie sind zur Landschaft geworden, sie sind in den Zusammenhang der Ort hineinsedimentiert. Die Menschen sind wie Schatten der Orte geworden, und die Orte wie Schatten der Menschen.

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Storefront, Piedmont, Missouri, USA, 2016 © Matt Black/Magnum Photos

Bei Jerry Berndt haben die Menschen noch Gesichter und Blicke. Sie schauen in die Welt. Auch wenn diese vielleicht nicht gerade der amerikanische Traum ist.

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Detroit, 1971. Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020

Bei Matt Black sind die Menschen Teile diese Welt geworden. Ihre Ohnmacht sich aus dieser Umgebung, also aus sich selbst herauszulösen, ist direkt wahrzunehmen. Wer sich in diese Ohnmacht ein wenig einlebt, versteht vielleicht etwas von der Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten in Amerika ereignet hat. Der Mensch schreibt sich der Erde ein. Eine besondere Art der Erdschrift. Matt Black bezeugt in seinen Bildern diese Entwicklung. Sein Zeigen fordert auf Hinzuschauen, weil nur noch im Sehen dieser Menschen-Landschaft durch einen Menschen eine Entwicklungschance für sie liegt.

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Pleasant Point, Maine, USA, 2019 © Matt Black/Magnum Photos

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Allensworth, California, USA, 2014 © Matt Black/Magnum Photos

Roland Wiese 15.10.2020

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