Kolloquium zur Ich Psychologie Teil 3

Peripheres Ich in der Bewegung

Die folgenden Gedanken versuchen einige Zusammenhänge aus dem Kolloquium in Alfter zur eurythmischen Bewegung weiterzubewegen. Dabei geht es weniger um eine Theorie der Eurythmie, mehr um eine menschenkundlich-psychologische Perspektive.

Einige Phänomene des eigenen Erlebens, wie das Ich-Erlebnis oder auch das Selbstbewusstsein, sind zwar in höchstem Maße evident, verbergen aber ihren Ursprung. Wie in anderen Beiträgen dargestellt, hat das ganz kleine Kind ein solches Bewusstsein von sich selbst noch nicht. Es ist noch unvermittelt verbunden mit seiner Umgebung und unterscheidet erst im Laufe seiner Entwicklung zwischen sich und der Umgebung. Steiner hat diese Entwicklung zurückgeführt auf das Hineinstellen des Kindes in die irdischen Kräfte wie Schwerkraft usw. wodurch sich das  Kind aufrecht Stehen und das Gehen erwirbt. „Der Mensch verbindet sich mit gewissen Erdenkräften, indem er seinen Organismus in diese Kräfte hineinorientiert. Er lernt aufrechtstehen und gehen, er lernt mit seinen Armen und Händen sich in das Gleichgewicht der irdischen Kräfte hineinzustellen.“ ( März 1925, Leitsätze,  S.256) Je mehr er sich direkt in diese irdischen Kräfte  einlebt, um sehr bildet sich der Leib mit seinem ganzen Bewegungsapparat so um, wie es der Bewegung in diesen Kräften notwendig ist. Im Heilpädagogischen Kurs formuliert Steiner ja ganz klar, dass das Ich sich direkt in diese irdischen Kräfte hineinstellt und nicht über den Leib vermittelt. Der Leib ist vielmehr der Ort, an dem dies geschieht, und der auch darauf mit seiner Gestaltung und Entwicklung reagiert. Das Ich ist darin aktiv, aber meist unbewusst, in den unteren Sinnen tätig: Tastsinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn und Lebenssinn und als eine Art Übergang der Wärmesinn, sind Ich-Tätigkeiten, die sich an den irdischen Kräften heranbilden und sie gleichzeitig bis zu einem bestimmten Maß aufheben lernen – in der Tätigkeit. Da der eigene Organismus der Ort ist, in und an dem diese Tätigkeit ausgeübt wird, strahlt aus diesem Ort etwas von der eigenen geistigen Tätigkeit zurück in das Bewusstsein, was als Selbstbewusstsein erlebt wird. Zur Klarstellung: Das Tier erwirbt sich seine Bewegungsfähigkeiten meist nicht aus der unbewussten Ich-Tätigkeit in den irdischen Kräften. Es bringt seine Bewegungen gewissermaßen schon mit – sie sind mehr umgebungsbestimmt als von einem zentralen Ich ausgehend. Deshalb kommt das Tier zwar zu einem gewissen Bewusstsein, aber nicht zu einem Selbstbewusstsein. (Wer die Bewegungsfrage näher studieren möchte,  findet dazu ausführliches Material bei Albertus Magnus in seinem Werk ‚Über die Prinzipien der fortschreitenden Bewegung‘, Freiburg 2014, dankenswerterweise auf Deutsch übersetzt von Jürgen Wetzelsberger).

Die Auseinandersetzung mit den irdischen Kräften kann somit als  Grundlage der ‚Bewusstseinsseelenentwickelung‘ gesehen werden. Genauer als Grundlage eines zentralen Ich-Bewusstseins. Alle Bewegungen, die diesem Zweck dienen, sich auf der Erde irgendwie zu bewegen und zu betätigen sind mit diesen irdischen (mechanischen) Kräften direkt verbunden. „Damit kennzeichnet sich das Mechanische als das rein Irdische. Denn das Naturgesetzmäßige, in Farbe, Ton und so weiter ist im Irdischen aus dem Kosmos zugeflossen. Erst im Erdenbereich wird auch dem Naturgesetzmäßigen das Mechanische eingepflanzt, wie im der Mensch mit seinem eigenen Erleben erst im Erdenbereich gegenübersteht.“ (Steiner, Leitsätze, ebd.) Das bedeutet für das Erleben, dass alle Wahrnehmungen der oberen Sinne durch die Hintergrundtätigkeit der unteren Sinne zentriert werden auf das Ich-Bewusstsein.

Was geschieht nun, wenn diese unteren Sinnestätigkeiten nicht mehr ein solches zentrales Bewusstsein garantieren können, weil möglicherweise die Ich-Kraft so zugenommen hat, dass diese Kräfte nicht mehr ausreichen als Widerlager? Steiner hat eine solche Entwicklung Anfang des 20. Jahrhunderts prognostiziert. Man kann die Anthroposophie heute als eine notwendige Entwicklungsmöglichkeit verstehen, um der inzwischen eingetretenen menschheitlichen ‚Lockerung‘ aus den irdischen Kräften, eine neue aktive Eigenbewegung entgegenzusetzen, die dann ein neues ‚Selbstgefühl‘ schafft, das nicht mehr auf unbewusster Sinnestätigkeit der unteren Sinne beruht.

Für eine Aktivierung des Denkens, scheint es notwendig zu sein, den Entwicklungsgang des menschlichen Geistes nachzuvollziehen und zu verstehen und dadurch die eigene Entwicklungskraft im Denken anzuregen und herauszuarbeiten. Das individuelle Denken kann sich in diesem Tun in einer Begegnung mit dem ‚allgemeinen Denken‘, also den Denkgesetzen erleben und muss sich in dieser Berührung aufrechterhalten und gleichzeitig die Objektivität des Denkens wahrnehmen. Der Berührungspunkt zwischen individuellem Denkvollzug und allgemeiner Denkwirklichkeit war im Mittelalter der eigentliche Kampfplatz darüber, ob der Mensch eine Art geistiger Automat höherer Wesen ist, oder selbständig denkt. Die immer wieder aktuell vollzogene Berührung eigener Denkbemühung mit abstrakten (nicht irdisch pragmatischen Denkvollzügen) Denkfragen schafft in diesem Bereich eine Empfindung, die sich nicht mit den Denkinhalten (dogmatisch) identifizieren muss, die sich stattdessen als Ausgangspunkt für ein ichmäßiges Empfinden (nach dem Denken, wie Wolf-Ulrich Klünker das charakterisiert) zeigt. (Dieser Punkt wurde bereits oben im 1. und 2. Teil ausführlicher ausgeführt).

Wenn man nun die menschliche Bewegung aus dem rein mechanisch-irdischen Kräftebereich emanzipieren will, dann ergibt die eurythmische Bewegung, wie sie von Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts angeregt wurde, einen ganz neuen Sinn. Ziel der Bewegung (und damit  ihre Ursache) ist nicht mehr ein praktischer Zweck, oder ein seelisches Motiv, sondern es ist die Bewegung selbst, die untersucht wird im Bewegen. Damit kann in der Bewegung die gleiche Entwicklung vollzogen werden, wie sie im Denken oben beschrieben wurde. Individuelle Bewegung trifft auf allgemeine Bewegungsform und in dieser Begegnung bildet sich wiederum eine Empfindung aus für die eigene Willensbewegung. Genauer für die geistig-seelische Bewegung, die normalerweise sich mit den irdischen Kräften auseinandersetzt. (Im Kolloquium war dies die Frage, mache ich die Bewegung um der Wirkung willen, oder um ihrer selbst willen. Also beispielsweise, mache ich ein eurythmisches ‚T‘ um des T willen und empfinde diese Bewegung?). Es kann sich so eine Empfindung für die geistige Form der Bewegung bilden. Die unteren Sinne als Bewegungen wachen so für ihren eigene Natur auf. Dadurch werden die irdisch-mechanischen Kräfte durch den Menschen in einen geistigen Zusammenhang gebracht.

Natürlich muss bei der Frage nach der eurythmischen Bewegung, ähnlich wie bei anderen Anregungen Steiners vom Beginn des 20. Jahrhunderts, berücksichtigt werden, dass sich die menschenkundliche Ausgangslage heutiger Menschen gravierend von den Menschen seiner Zeit unterscheidet. Die Anregungen zu Ätherisierung der Bewegung trafen auf noch relativ konsolidierte Konstitutionen der Beteiligten, die durch Nachahmung und Üben sich in diese ätherisierten Bewegungsformen einleben konnten. Heute gibt es nicht mehr viele Menschen mit solchen Konstitutionen, eine gewisse Überschusswirkung der Ich-Entwicklung (biographisch und organisch) des 20. Jahrhunderts sorgt eher für eine Labilisierung des eigenen Leibezugs, mit den entsprechenden seelischen und somatischen Problemlagen.  Außerdem hat das technische Zeitalter, in dem wir heute leben, das Denken auf die Verfeinerung und Perfektionierung der mechanischen Verhältnisse so stark ausgerichtet, das ein ‚abstraktes‘ Geistig-Seelisches kaum noch zu denken ist. Ähnliches gilt natürlich auch für die Mechanisierung der Bewegung. Dies wirkt sich auch auf das mögliche Verständnis eurythmischer Bewegung aus. Umso notwendiger wäre deshalb ein Forschungsansatz, der eine menschenkundliche Perspektive wählt. Hier kann und soll nur ein erster Ansatz in diese Richtung angedeutet werden. Heute wäre dabei in den Blick zu nehmen, welches Erleben und damit welches Selbstgefühl, aber auch welche Leibbildung durch die entsprechenden Empfindungen angeregt werden. Denn das Selbstgefühl bildet sich aus der Bewegung, es wird eher zentraler und physischer werden durch entsprechende physische Bewegung, in der Folge bilden sich auch die Muskeln und anderen Organe entsprechend der vollzogenen Bewegung, oder es wird mehr peripher sich ausrichten und insofern der Organismus mehr in Richtung Lebensbewegung ausgerichtet werden.

Roland Wiese 26.11.2022

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