Die Biografie des Ich

Nächste Woche haben wir ein Treffen der Gruppe ‚Ich-Entwicklung begleiten‘ und in den letzten Treffen haben wir uns damit beschäftigt, was eigentlich eine Biografie des Ich ist, im Unterschied zu einer Biografie, die mehr auf seelische Erfahrungen und Erlebnisse schaut. Natürlich ist ein solcher Unterschied nicht trennscharf zu denken, es geht mehr um eine Tendenz zur ‚Ich-Linie‘, als um eine vollständige Trennung. Da beim letzten Treffen auch gewünscht wurde eine textliche Grundlage für das Gespräch zu haben, hier der entsprechende Versuch zum Thema, der sich natürlich nur als ein Ansatz, eine Perspektive versteht…

Vorbemerkungen

Beginnen möchte ich mit einer interessanten biografischen Erfahrung aus der letzten Zeit. Ich habe letztens durch eine Anregung von außen ein Buch von Rudolf Steiner in die Hand genommen, das ich, so dachte ich, noch nie gelesen habe: ‚Briefe an die Mitglieder 1924‘. Also ein ganz spätes Buch von Steiner, das er im letzten Jahr vor seinem Tod geschrieben hat. Das Buch scheint 1999 zu uns gekommen zu sein. Als ich darin herumblättere, finde ich auf Seite 67 im vorletzten Mitgliederbrief vom 13. Juli 1924 eine Stelle, die an der Seite mit Bleistift angestrichen ist. Weder kann ich mich daran erinnern diese Stelle angestrichen zu haben, noch kann ich mich an den Inhalt der Stelle erinnern (und das bei meinem berüchtigten eidetischen Gedächtnis). Der Inhalt dieser Stelle war aber für das Thema, das ich hier behandeln möchte, durchaus interessant. Hier ein Auszug: „Anthroposophie zeigt im weiteren: Es gibt ein Erleben des Schicksals, in dem man nicht das Selbst verliert. Man kann auch im Schicksal noch sich selbst als wirksam erleben.(…) Statt in die Welt hineinzustarren, in Glück und Unglück das Ich auf ihren Wellen trägt, findet man dfas Ich, das wollend das eigene Schicksal gestaltet“ (Der gesamte Text wird unten als PDF angefügt). (Für die Zeitgenossen, die aktuell gerade eine solche Schicksals-Forschung dadurch ad absurdum führen wollen, indem sie immer von Schuld und Ursachen usw. sprechen: Hier geht es um ‚Wirksamkeit‘ und ‚Gestaltung‘!)

Aus der Ich-Perspektive geschaut könnte man denken (!), da hat der, der ich vor 23 Jahren war, eine Stelle angestrichen, die jetzt (erst) für mich so relevant wird, dass ich damit produktiv werde. Einen solchen Zusammenhang zu denken, wäre aber heute eher unüblich. Man müsste, um einen solchen Zusammenhang zu denken, eine Instanz annehmen, die vorlaufend etwas anlegt, das sich erst später bewusst einlöst. Wir haben eine solche Instanz, in einem früheren Beitrag einmal als Geistselbst benannt und  charakterisiert. Das Geistselbst als Vorläufer und Grundlage der Ich-Entwicklung. „Vorlaufendes Geistselbst würde dann bedeuten, dass in der Tat das unsterbliche Ich als gestaltetes Geistselbst im Ich verankert ist, aber in der faktischen Ich-Entwicklung <<vergessen>> wird, um frei und eigeninitiativ hervorgebracht zu werden.“ (Klünker, Wer ist Johannes? , S. 128, Stuttgart 2006). Nimmt man diese Charakterisierung des Verhältnisses von Geistselbst und Ich-Entwicklung einmal als Okkular auf die eigene Biografie, dann wird man ganz anders auf diese Biografie schauen. Man wird dann bestimmte Erlebnisse nicht mehr als organische Folge der Lebensentwicklung anschauen, sondern man wird genau umgekehrt das Aufblitzen des Geistselbst in der Biografie bemerken können. Ein Aufblitzen, das aber wie vorlaufend, noch nicht zu einer Einlösung und Integration im Leben führt, sondern erst viel später der eigenen Ich-Entwicklung entspricht und erst durch diese dann einen Ich-Zusammenhang, eine Ich-Linie ergibt. Das von mir hier vorgebrachte Beispiel ist wiederum ein Beispiel für einen Ich-Zusammenhang, der mehr die geistige Ich-Linie repräsentiert. Wir hatten im letzten Treffen auch darüber gesprochen, dass es möglicherweise zwei Ich-Linien geben könnte, eine die mehr die geistige Ich-Entwicklung zeigt und eine, die mehr die Entwicklung im Schicksalsbereich freilegt. Natürlich sind auch diese beiden Linien nicht voneinander zu trennen, und doch können wir jede von ihnen unterschiedliche Kriterien herausgearbeitet werden.

Eine erste Ich-Perspektive würde also darin bestehen ‚Früher-Später Verhältnisse‘ in der eigenen (geistigen) Biografie zu bemerken. Diese Früher-Später Relation beinhaltet meist ein nicht ganz bewusstes Aufleuchten oder auch Aufblitzen geistiger Entwicklung, das sich erst später mit dem Ich, also bewusst und kontinuierlich in die eigene Entwicklung integrieren lässt. Diese Rückwärtsblickrichtung kann wiederum zum Organ werden für solche Geistesblitze, auch schon in der Gegenwart, so dass ein anfängliches Bewusstsein für geistige Entwicklung aus der Zukunft entstehen kann. Das Geistselbst ist insofern als die Verursacherin der geistigen Biografie des Ich zu verstehen; das Ich ist wiederum die irdische Einlösung dieser Verursachung und insofern auch nur im Leben zu realisieren. Damit wird das Ich  zur Ursache des Geistselbst in seiner Biografie. Denn ein Bemerken des Geistselbst und auch eine Annäherung zwischen Ich und Geistselbst kann nur durch das irdische Ich realisiert werden.

Eine zweite Ich-Perspektive würde mehr die peripheren Wirkungen (des Geistselbst) auf das Ich untersuchen. Das Geistselbst als Entwicklungsmotor des Ich wirkt eben meist gar nicht direkt im zentralen Ich-Bewusstsein. Die Früher-Später Relation beinhaltet auch ein Außen-Innen Verhältnis zwischen Geistselbst und Ich. Wobei dieses Verhältnis nicht kausal gedacht werden kann, sondern immer nur als Entwicklungsverhältnis zwischen Innen und Außen. An einem eigenen Beispiel soll einmal eine solche Entwicklung angeschaut werden.

Das Ich in der Biografie

Man kann seine Biografie rückwärts in verschiedener Hinsicht anschauen. Es gibt verschiedene Methoden das eigene Leben zu untersuchen. Dabei werden meist retrospektiv die einzelnen Lebensepochen angeschaut. Etwas komplizierter wird es, wenn man versucht der eigenen Bewusstseinsentwicklung auf die Spur zu kommen. Anhand der eigenen Biografie soll ein solcher Versuch einmal demonstriert werden. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass ich inzwischen 65 Jahre alt bin und dementsprechend die eigene (vergangene) Biografie sich langsam von mir ablöst, mich frei lässt und dadurch bestimmte Erkenntnisse möglich werden. Solche Erkenntnisse sind keine Wissenszuwächse oder Deutungen des eigenen Lebens, sondern erfüllte Klarheiten. Dabei sind die Inhalte dieser heutigen Erlebnisse in Bezug auf das frühere Leben vielleicht gar nicht so wichtig, mehr ist es die Struktur! Interessant ist nämlich, dass man oft von einem zentralen Erlebnis ausgehen kann und sich dabei eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Erfahrungen zeigen, die alle aber diesem Ich-Zusammenhang angehören, bzw. ihn bilden. Drittens, und das gehört schon zu der Struktur dieser Erlebnisse, zeigt sich immer ein  ganz bestimmtes Grundmuster als Situation des Ich. Das innere Ich (zentrales Ich) zeigt sich immer wie latent, wie eine tabula rasa, die äußere Situation, das äußere Ich, zeigt sich als ein allgemeiner Inhalt und in dem Zusammentreffen beider Ich-Anteile bildet sich erst das eigentliche Ich. Daraus lässt sich auch schließen, dass eine Betrachtung der Biografie in die andere Richtung, also vorwärts nahezu unmöglich ist. Man sieht nichts. Es fehlt ein Gegenstand, der wahrzunehmen wäre. Erst in der konkreten Ich-Situation kommen  sie zusammen. Aber, und das ist die nächste Einschränkung, auch dieses Zusammentreffen zeigt sich erst jetzt nach Jahrzehnten in seiner eigentlichen Gestalt und Bedeutung. Eine wichtige Bedingung oder Voraussetzung dafür, dass sich ein solches Erlebens in Bezug auf eine zentrale Stelle der eigenen Biografie des Ich einstellt, ist wiederum eine aktuelle Wahrnehmung und Beschäftigung damit. Wobei diese äußere Wahrnehmung inhaltlich nichts mit dem Thema zu tun haben muss.

Mein konkretes Beispiel zeigt das ganz gut: Es geht um einige Erlebnisse, die sich auf die Entwicklung meines Denkens beziehen. Dieses  Erlebnisse sich an sich nicht besonders bedeutsam. Als ich mit knapp achtzehn Jahren mein Jura Studium an der Albertus-Magnus-Universität in Köln begann war dies kein wirkliches Wunschstudium. Nichtsdestotrotz bemerkte ich bei mir relativ schnell eine Wirkung, die das Denken in juristischen Begriffen bei mir hatte. Man könnte sagen ich fühlte mich angezogen von diesem Denken. Die Sauberkeit der Begriffe und ihrer Denkfolge sprach mich direkt an. Dieses Geschehen zeigt sich mir heute so, dass in mir latent eine Affinität für ein solches Denken angelegt war, aber erst die äußere Begegnung mit diesem Denken eine erste Ich-Erfüllung, oder Ich-Aufweckung zur Folge hatte. Diese ganz konkrete Beziehung zwischen dieser Art des Denkens und meinem Denken war höchst individuell und damals nicht vollständig bewusst. Denn diese Begegnung war ja eingekleidet in ganz viel Lebensinhalt des Studierens usw. Trotzdem ist es das, was mir als Entwicklungsergebnis von diesem Studium geblieben ist. Meine Kommilitonen und Kommilitoninnen mögen ganz andere Entwicklungsergebnisse aus diese äußerlich scheinbar gleichen Situation mitgenommen haben.

Die Entwicklung meines Denkens in diesem Studium bestand aber in Wirklichkeit aus zwei Erlebnissen, die damals aber nur halb bewusste Erlebnisse waren. Die erste Stufe bestand in der Berührung und Durchdringung mit den abstrakten Begriffen und Denkfiguren des Juristischen. Für mich war damals erlebbar, dass man mit solchen abstrakten Begriffen etwas von einer Lebenssituation erfassen kann, was mit der äußerlichen inhaltlichen Wiedergabe nicht zu erfassen war. Für mich waren diese abstrakten Begriffe eine neue Wirklichkeit, mit der ich in Berührung kam, die aber in mir eine innerliche Resonanz hervorrief, die andere überhaupt nicht nachvollziehen konnten, die also wahrscheinlich bei ihnen nicht vorhanden war. Heute ist für mich mehr erlebbar, die noch unschuldige und ungeformte Denkkraft meines jugendlichen Ich und die Begegnung mit der konkreten juristischen Art des abstrakten Denkens, also einer gewissen Logik. Diese Begegnung hat in mir eine (Willens)Wirkung ausgelöst, die ich damals nicht damit in Zusammenhang gebracht hätte: Ich begann Prosa zu schreiben.

Die zweite Schicht des Denkens erwachte wiederum an einem anderen Denken. Diese Schicht war nun schon konkreter und individueller, denn der äußere Inhalt war das Lehrbuch meines Professors in Staatsrecht. Es gibt kein Lehrbuch von mir aus dieser Zeit,  in dem ich so viel unterstrichen habe, wie in diesem Buch. Während die erste abstrakte Denkschicht mich mehr mit einer formalen logischen Kraft in Berührung brachte, kam ich jetzt in Berührung mit einem Denken, das ebenso logisch war, aber gleichzeitig in irgendeiner Weise ‚lebendig‘ wirkte. Dabei waren die staatsrechtlichen Begriffe genauso abstrakt, wie die anderen juristischen Begriffe, aber die Art der Zusammenhangsbildung hatte etwas organisches! Man konnte sich mit den Begriffen in dem Inhalt bewegen –  das Denken war insofern nicht (rein)deskriptiv. (Der Autor der Einführung in das Staatsrecht, war der Professor für Staatsrecht und Rechtsphilosophie Martin Kriele. Erst später habe ich erfahren, dass er auch Anthroposoph ist).

Das heutige Erleben an diesen Lebenszusammenhängen, bzw. das Auftauchen in dieser Dichte und Konzentration, wurde durch einen völlig profanen Vorgang provoziert. Ich musste für meine Rentenunterlagen meine Studienzeiten dokumentieren. Ich musste also mich irgendwie mit dieser Zeit beschäftigen und Bescheinigungen von der Universität anfordern. Und es sei hinzugefügt, dass die leisen und impliziten Wirkungen jener Begegnung von innerem Ich mit äußerem Weltinhalt mir bis dahin eher nicht zugänglich waren. Das abgebrochene Studium war nicht so attraktiv als Gegenstand bewusster Selbsterforschung. Jetzt aber in der profanen Beschäftigung tauchte der Ich-Zusammenhang auf und beleuchtete wiederum zentral andere biografische Begegnungen des inneren Lichtes des Denkens mit der Welt. So wurde mir deutlich, dass das, was als Denk-Form und Denk-Kraft-Erlebnis im Studium auftrat, in der früheren Kindheit mehr ein Licht-Licht-Erlebnis war. Und auch ein späteres Erlebnis stellte sich als weiterer Entwicklungsschritt in diese Reihe: Das erste Buch, von Rudolf Steiner das ich ganz aus eigenem Antrieb gelesen habe (ich kann mich nicht erinnern warum und wie ich daran gekommen bin) war das Buch: ‚Die Kernpunkte der sozialen Frage‘. (Das Buch erschien 1919 und kann als Bestseller bezeichnet werden. Steiners Vorwort bezieht sich auf die Auflage 40.000 – 80.000.) Was von der Lektüre dieses Buches geblieben ist, ist eine ganz bestimmte Art der Denkbewegung, die für mich damals an einem Satz ganz besonders wahrnehmbar war. Das heißt schon damals war neben dem Inhalt, den ich heute zu 99 % vergessen habe, eine bestimmte Kraft und Bewegung in dem Denken wahrnehmbar, die in diesem bestimmten Satz kumulierte, den ich nie mehr vergessen habe (und den ich damals auf eine Karteikarte schrieb, die ich in das Buch legte). Der Satz steht auf Seite 109 und lautet:“ Im sozialen Organismus ist es nicht möglich, die Entwicklung objektiv zu betrachten wie in der Natur. Man muss die Entwicklung bewirken.“ Dieser Satz hat in mir eine Art Dauerwirkung biografisch ausgelöst,  er hat in in mir eine ganz neue Möglichkeit eröffnet , wie man mit dem Denken in die Wirklichkeit hineinkommt. (Ein anderer Satz etwas weiter oben lautet ähnlich: „aber in dem sozialen Organismus sind die Ideenimpulse des Menschen Wirklichkeiten“). Anscheinend gilt dieser Satz inzwischen auch immer mehr für die Entwicklung der Natur…

Dieses Bemerken am Denken oder im Denken ist etwas, das auf eine Sensibilität in dem eigenen Denken verweist, die daraufhin ausgerichtet erscheint, aber auch gleichzeitig darauf angewiesen ist auf die entsprechenden ‚äußeren‘ Gegenstände, Inhalte zu treffen, die einer solchen Sensibilität auch einen Inhalt geben können. Dieses nicht besonders aufdringliche Interesse an solchen Denkformen ist ja schon vorhanden, aber eben nur latent. Es braucht zur Erfüllung und Aktivierung aber die andere Seite, die aus dem Leben kommt. In dieser Begegnung individualisiert sich der äußere Gegenstand, die Sache (res) und kommt die latente Innenseite zu sich selbst. Ein weiterer Satz aus den Kernpunkten, etwas weiter unten, weist auf diesen individuellen Zusammenhang als eine  wesentliche soziale Grundlage hin: „Ein Beweis in sozialer Lebensauffassung kann sich nur dem ergeben, der in seine Anschauung das aufnehmen kann, was nicht nur im Bestehenden liegt, sondern dasjenige, was in den Menschenimpulsen – von ihnen oft unbemerkt – keimhaft ist und sich verwirklichen will.“

Im Umgang mit diesen Erlebnissen und Erfahrungen kann deutlich werden, wie das eigene Leben eine doppelte Bewegung in sich trägt. Ein Bewegen zu den Inhalten, die es braucht, um den eigenen latenten Kräften die Erfüllung zu geben, ihren Inhalt. Gleichzeitig wirken dann die Berührungen und Durchdringungen mit den entsprechenden Inhalten wieder auf das Leben orientierend und es führend ein. Voraussetzung für eine solche doppelte Bewegung scheint aber zu sein, dass es eine latente Ich-Kraft gibt, eine Ich-Kraft, die als Ergebnis eben schon vorhanden ist, die mich zu dem entsprechenden äußeren Erlebnis hinbringt und auch die entsprechende Wirkung aus ihm herausholt. Gleichzeitig ist diese Ich-Kraft sich seiner selbst nicht bewusst, gewissermaßen eine Art (karmischer) Instinkt.  

In einem zweiten Beitrag werde ich mehr das Verhältnis von Ich-Entwicklung und Peripherie untersuchen am Beispiel von Entwicklungen von Menschen mit psychiatrischen Schicksalsverläufen.

Mitgliederbrief 13.Juli 1924

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