Ich-Entwicklung begleiten

Ich-Entwicklung begleiten 3. Teil

Die dritte Einheit unserer kleinen Reihe Ich Entwicklung begleiten hatten wir jetzt am Samstag in etwas größerer Runde als beim zweiten Treffen. Thema war diesmal die Wirksamkeit des Denkens (im Leben) oder anders formuliert das Denken als Lebensprozess. Im ersten Teil haben wir versucht die Wirklichkeitsschicht des menschlichen Denkens im Unterschied zu einer Wirklichkeitsschicht der Tatsachen anzuschauen. Das menschliche Denken wird von Platon bis zu Steiner als die Fähigkeit bezeichnet, die in der Lage ist verschiedene (einzelne) Tatsachen zusammenzuschauen. Durch dieses Zusammenschauen entsteht eine ganz eigene Wirklichkeitsschicht der Zusammenhänge. Der Mensch bildet aus den Tatsachen eigene Zusammenhänge. Während früher diese Zusammenhänge oft gruppenartige Zusammenhänge waren, wie Glaubenszusammenhänge und andere Anschauungen, die auch sozial einbindend gewirkt haben, ist heute der Mensch zunehmend auf die eigene Kraft Zusammenhänge zu bilden angewiesen. Wir leben immer mehr in einer Welt der unterschiedlichsten Zusammenhangsbildungen, und es stellt sich immer mehr die Frage nach der Wahrheit dieser Bildungen. Diese mehr imaginative Wirklichkeitsschicht zwischen Sein und Schein (scheinendes Sein und seiender Schein) ist gerade dadurch charakterisiert, dass die Wahrheit der Tatsachen sie nicht mehr ausreichend bestimmen kann. Es geht darum im eigenen Zusammenhangsbilden selber wahrheitsfähig zu werden. Es ist ein Durchgang durch die Illusion – aber in diesem Durchgang kann die eigene Kraft Wirklichkeit zu schaffen erübt werden. (In GA 107 19. Vortrag hat R. Steiner die so entstehende neue Wirklichkeit als Ich-Wirklichkeit gekennzeichnet). Weiterlesen

Dionysos – Übergänge zwischen Denken und Leben

Die Schale des Exekias

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München, Staatliche Antikensammlungen Inv.8729: Schale des Exekias (um 540/35 v. Chr.): Meerfahrt des Dionysos (aus dem Buch ‚Dionysos Verwandlung und Ekstase‘ Staatliche Museen zu Berlin 2008 S. 147)

„Dann erschien an der Spitze des Mastes wahrhaftig ein Rebstock, rundum behangen mit zahllosen herrlichen Trauben in voller Reife, und um den Mast herum schlangen sich Ranken von dunklem Efeu, reichlich mit Blüten besetzt und mit lieblichen Früchten.“

„Der Gott war inzwischen ein grimmiger Löwe geworden, der mit drohender Miene brüllte und außerdem einen Bären ins Mittelschiff zaubernd ein weiteres Wunder bewirkte. Sogleich erhob sich der Bär zum Angriff, der Löwe jedoch stand grimmig blickend am Bug; zum Heck hin flohen die Piraten.

Um den Steuermann, der noch Vernunft bewahrte, sich scharend, standen sie zitternd vor Angst. Da stürzte der Löwe sich auf den Hauptmann, die anderen, um dem bösen Geschick zu entrinnen, gingen alle zugleich über Bord in die heilige Salzflut, wo sie Delphine wurden.“

(aus ‚Homerische Hymnen VII – An Dionysos‘ 2017 WBG, S. 119)

Die Schale des Exekias ist tiefrot und wunderschön in ihrer Harmonie des Bildes, das im Inneren der Schale gezeigt wird. Das Schiff, der Mast mit den Trauben und den Reben, das weiße Segel und in der unteren Hälfte des Kreises die Delphine. Liest man dazu den Text von Homer (oben einige Ausschnitte) erlebt man eine ganz andere Stimmung: Piraten entführen den Gott Dionysos auf ein Schiff – Der Steuermann warnt sie noch, sie hören nicht auf ihn und werden dann mit wilden Tieren konfrontiert und als sie ins Wasser springen in Delphine verwandelt. Eine typische Dionysos Geschichte, ähnlich auch wie die der Euripides Tragödie ‚ Die Bacchen‘, in der Pentheus, der Herrscher von Theben, Dionysos nicht (an)erkennt und ehrt und später von wilden Mänaden, darunter seine eigene Mutter zerrissen wird. Wofür steht Dionysos in der griechischen Lebenswelt? Er steht für eine Art Übergang zwischen einem ewigen Leben (zoe), das durch den Tod hindurch immer wieder neu entsteht und dem irdischen Leben (bios). Weiterlesen

Ausblick 2019

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Am 31.12.2018 haben wir (Martina Rasch, Andreas Rasch, Elfi Wiese und ich) unsere GbR ‚meso – menschliche Entwicklung und soziale Gestaltung‘ aufgelöst. Was bedeutet das für die zukünftige Arbeit? Meine Supervisionen und Beratungen führe ich jetzt als ‚Roland Wiese – Entwicklungsbegleitung‘ weiter. Mein Schwerpunkt für diese Arbeit ist in 2019 weiterhin die Supervision der Ehrenamtlichen Sterbegleiter. Kurz vor Jahresende sind in dieser Arbeit noch zwei Gruppen aus dem Hospizverein Schneverdingen dazu gekommen. Insgesamt habe ich jetzt damit 6 Gruppen in der Supervision (darunter auch eine Gruppe Kindertrauerbegleiter).

Unsere Forschungs- und Bildungsarbeit haben wir ja schon letztes Jahr umbenannt in unser Institut ‚meso- Institut für Soziale Arbeit in Praxis, Ausbildung und Forschung‘. Dieses Institut wird jetzt in unseren Verein ‚Umkreis e.V.‘ überführt. Dort haben dann unsere (Martina Rasch und ich) Projektentwicklungsarbeit und unsere Beratungen von Einrichtungen ihren Ort, aber auch unsere Forschungs- und Bildungsarbeit – aktuell mit dem Schwerpunkt: Ich-Entwicklung! Das dritte Treffen mit dem Titel ‚Ich-Entwicklung Begleiten‘ findet Ende Januar statt. Möglicherweise starten wir in 2019 auch noch einen neuen Durchgang mit ‚Was ist Ich-Entwicklung?‘ für neue Teilnehmer.

Andreas Rasch wird seine pflegetherapeutische Praxis weiterführen und Elfi Wiese ihre künstlerische Arbeit und Dozententätigkeit. Auch in Zukunft werden wir in bestimmten Fällen inhaltlich kooperieren und gemeinsame Forschungsfragen miteinander bewegen.

Neben meiner hauptberuflichen Arbeit in der GESO (Fachliche Leitung), die in diesem Jahr auch einige spannende Themen auf der Agenda hat, werde ich hoffentlich genügend Raum haben für die Fragen, an denen ich jetzt schon seit längerem arbeite.

Roland Wiese 5.1.2019

 

Über die Einzigkeit des Intellekts

Im Oktober 2019 erscheint im Verlag Frommann-Holzboog  die (erstmalige) Übersetzung und Kommentierung des Buches ‚De unitate intellectus‘ von Albertus Magnus durch Wolf-Ulrich Klünker. Das Buch ‚Über die Einheit des Geistes‘ von Thomas von Aquin hat Wolf-Ulrich Klünker schon in den achtziger Jahren übersetzt und kommentiert. Es ist im Verlag Freies Geistesleben erschienen. Albertus Magnus  hat unter dem gleichen Titel (jetzt aber anders übersetzt mit ‚Einzigkeit des Intellekts‘) sich auch mit dieser Thematik beschäftigt. Für heute noch wichtiger Hintergrund des Thomas Buches ist die Begründung der menschlichen Individualität im Denken und auch der erste Ich-Begriff in der Geistesgeschichte. (Siehe ausführlich in unserem Buch ‚Psychologie des Ich‘). Ich bin gespannt, welche Aspekte Albertus in den Mittelpunkt rückt. R.W. 29.12.2018

 

Albert der Große: Über die Einzigkeit des Intellekts.
Übersetzt von Wolf-Ulrich Klünker.
Einführung und Kommentar von Henryk Anzulewicz und Wolf-Ulrich Klünker.
Albertus Magnus (1200–1280) verdankt seinen Namen seiner weitreichenenden Forschungshaltung, deren Ergebnisse er in zahlreichen Schriften festhielt. Die erstmals ins Deutsche übersetzte Schrift ›De unitate intellectus‹ markiert einen entscheidenden wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungsschritt zu einer Psychologie seelischer Individualität. Die aristotelische Tradition der »Seele als Form des Leibes« berührt dabei ein Organverständnis, das erst nach den hirnphysiologischen und genetischen Diskursen der letzten Jahre umfassend gewürdigt werden kann. Der Begriffsrealismus Alberts des Großen, in seiner Zeit anthropologisch-philosophische »Spitzenforschung«, enthält erst heute wirklich zukunftsfähige Perspektiven menschlichen Selbstverständnisses und geistiger Selbstaktivierung.

Albertus Magnus:
De unitate intellectus
Ca. 184 S., 16,5 x 24,0 cm. LeinenDeutsch LateinISBN 978-3-7728-2840-9
Oktober 2019
Einzelpreis:ca. € 84,

Forschungswege mit der Farbe IV

Ein weiterer Nachklang zur Ausstellung der Künstler in der Schreinerei in der letzten Woche mit einer Einführung von mir von 2013, mit der die Werkstatt Basel-Horstedt eröffnet wurde. Ein Nachklang und eine Fortführung unseres Forschungsweges mit der Farbe und mit der Kunst.  Beim Wiederentdecken des unten angefügten Textes wurde mir noch einmal deutlich welchen  Forschungs- und SchicksalsWeg wir (Elfi Wiese, Jasminka Bogdanoivic und Johannes Onneken) seitdem miteinander gegangen sind. Und zu dieser Kerngruppe gehören natürlich auch Wolfgang Voigt, Susanne Hörz und Rüdiger Mövens dazu.

Im letzten Jahr hatte unser Treffen ja in Basel stattgefunden – in der Volta Halle. Anlass und Inhalt war die große Ausstellung ‚Experiment Farbe‘, die Jasminka und Johannes mit Nora Loebe und Mathias Rang organisiert haben. Dort hatte Marianne Schubert schon uns angesprochen und von einer Ausstellung erzählt, die sie am Goetheanum veranstalten wolle. Und sie hatte Elfis Bilder gesehen und sie zu dieser Ausstellung eingeladen. Wir waren dann ja noch zum Goetheanum gefahren um die Ausstellung der Bilder von Hannes Weigert anzuschauen, die dort im Treppenhaus am Roten Fenster ausgestellt waren. Bei unserer Ankunft trafen wir direkt im Eingang auf Marianne, die uns eine sehr persönliche Führung durch die Ausstellung gab. Das war wie eine Art Auftakt zu dem Ausstellungsgeschehen in diesem Jahr. Die Ausstellung in diesem Jahr führte dann dazu, dass wir von Donnerstag bis Sonntag viel Zeit hatten miteinander zu arbeiten und uns auszutauschen. Und die Ausstellung führte auch, neben vielen anderen Künstlern, auch die Bilder von Johannes, Jasminka und Elfi wieder zusammen. Eine gewisse, fast wie ein Zitat wirkende, Objektivierung des Werkstattgeschehens von 2013. Weiterlesen

„Die Ich-Form der Wirklichkeit ist die Kunst…“

An diesem Wochenende fand im Goetheanum in Dornach eine Verkaufsausstellung mit 120 Künstlern aus 16 Ländern statt. 25o Werke, meist Bilder und Plastiken, waren zu sehen. Auf einer Auktion wurden Werke verstorbener Künstler versteigert. Marianne Schubert, die Leiterin der Sektion für Bildende Künste, hatte schon lange die Intention zu einer solchen Ausstellung. Ziel war es „einen Überblick zu zeigen über das zeitgenössische Schaffen aus anthroposophischen Quellen.“(Einladung)

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Marianne Schubert führt durch die Ausstellung

Gestern fand im Rahmen der Ausstellung ein Podiumsgespräch statt mit der Frage: „Gibt es Anthroposophische Kunst?“ Es war angenehm und überraschend, dass das Gespräch, in das das Publikum gleichberechtigt einbezogen war, zu einem Austausch wurde, in dem die unterschiedlichen Ich-Zugänge der Sprechenden zu diesem Thema deutlich wurden, und dadurch nicht Meinung gegen Meinung stand, sondern deutlich wurde auch welcher Ich-Wirklichkeit der Einzelne sprach. In eine zweite Stufe könnte ein solches Gespräch geführt werden, wenn diese Zugänge noch vertieft und weiter individualisiert werden könnten. Das würde zu der Frage führen, wie das eigene Verhältnis zur Anthroposophie ist, und zu welchen Intentionen es bei mir geführt hat sich in dieser Weise selbst zu aktivieren. Beispielsweise wäre es interessant zu erfahren, was einen Reinhold Fäth dazu gebracht hat sich so intensiv in die Geschichte der anthroposophischen Kunst einzuarbeiten und dies in eine Ausstellung münden zu lassen, während die Beschäftigung bei anderen zu bestimmten, ganz anderen künstlerischen Aktivitäten geführt hat. Denn meine These wäre, dass die Beschäftigung mit bestimmten Begriffen, im Menschen Willensintentionen freilegt, die ihn erst in die ganz eigenen Wirklichkeitsbereiche führt. Weiterlesen

Ich-Entwicklung und die Entwicklung der Welt

Ein Beitrag mit dem Hintergrund unseres 2. Treffens – Ich-Entwicklung Begleiten

Ich beschäftige mich gerade mit Claus Otto Scharmer, der mit seiner „Theorie U – Von der Zukunft her Führen“ versucht Ich-Entwicklung als eigentlichen Durchgangspunkt zur Weltentwicklung deutlich zu machen. So bemerkt er bei allen bisherigen Systemen der Weltentwicklung, dass die Perspektive des sich entwickelnden Selbst ausgeblendet wird. Es sind meist ‚Vogelperspektiven‘, und er fragt: „Welche Perspektive würde sich ergeben, wenn wir das Schlachtfeld nicht nur von oben, sondern aus Sicht der Akteure sehen könnten – aus der Perspektive des sich entwickelnden Selbst?“ (Claus Otto Scharmer Therie U, Heidelberg 2015, S. 115)
Ein zweites Kriterium für eine menschliche Wissenschaft des 21.Jahrhunderts ist für ihn die Frage, ob sie ein Wissen generiert, dass die Realität nur beschreibt, oder „ob sie die Realität, die sie beschreibt, auch hervorbringen kann.“ Es gebe einen ‚blinden Fleck‘ in unserer Wahrnehmung: „Wir nehmen unsere Realität als etwas Äußeres wahr, als etwas, das mit uns geschieht. Wir sehen den Prozess nicht, durch den wir selber die soziale Realität gemeinsam hervorbringen. (…) Dieser blinde Fleck, der den Prozess von sozialer Wirklichkeitsentstehung betrifft, steht einem direkteren Zugriff auf die tieferen Quellen unserer Kreativität im Wege. Das betrifft die Kreativität von Individuen und Gemeinschaft gleichermaßen. Von einem strukturellen Blickwinkel aus betrachtet, spiegelt sich dieser gesellschaftliche blinde Fleck in einem Fehlen von Begegnungs- und Wahrnehmungsräumen, in denen Akteure über die Grenzen von Institutionen und Sektoren hinweg Zukunftsmöglichkeiten sehen, entwickeln und realisieren lernen. Die Gegenwart ist dadurch geprägt, dass organisierte Interessengruppen Antworten auf die gegenwärtigen Probleme anstreben, dabei aber meist nur ein Sonderinteresse vertreten.“ (S.116)
Wenn man dies auf die die Arbeit im Sozialen bezieht, also auf eine professionelle Begegnungs- und Beziehungsarbeit mit einzelnen Menschen, dann wird einem sehr schnell klar, dass der ‚blinde Fleck‘ in dieser Arbeit darin liegt, dass die Entwicklung nur eines Menschen in den Blick genommen wird, die des anscheinend Hilfebedürftigen. Aus dieser Perspektive heraus verschwindet der Helfer als eigenständiges Selbst beinah vollständig aus dem Blick. Er wird zu einem objektiven Werkzeug – zu einer Assistenz, ohne Gesicht, Geschichte, Vergangenheit und Zukunft. Er vollbringt eine ‚Beziehungsdienstleistung‘, wie es fachlich und menschlich verfehlt, manchmal dargestellt wird. Es gibt in der Geschichte der Sozialarbeit und auch der spezifischeren Geschichte der sozialen Psychiatrie nur wenige Beispiele, die die wechselseitige Entwicklung der Beteiligten und ihre Bedingungen in den Blick nehmen und vertreten. Nahezu überall wird versucht verobjektivierte Wirksamkeiten in der sozialen Arbeit zu kreieren, die dann möglichst auch noch planbar und messbar sind. Die Reduktion der Wirklichkeit im Modell führt aber auf die Dauer auch zu reduzierter Wirklichkeit, dass heißt zu einer Reduktion des Erlebens und Lebens. Weiterlesen

Geistselbst-Berührung des Ich

Das Seminar der DELOS-Forschungsstelle mit dem Titel ‚Geistselbst-Berührung des Ich – Befreiung, Lösung und Erlösung‘ fand am Sa./So. 24/25.11.2018, Sa, 15 Uhr – So, 13 Uhr statt. Aus der Ankündigung:
„Imaginative Kräfte sind im Hintergrund von Lebens-, Empfindungs- und Erkenntnisprozessen wirksam. Sie bilden eine individuelle „Märchenschicht“, die wirklicher ist als die sogenannte Realität. In der Ich-Entwicklung kann heute eine Sensibilität für diese Wirkungen ausgebildet werden. Der neue Erlebnis- und Erkenntnisraum berührt sowohl die Sphäre des früheren Engels als auch elementare Lebensvorgänge.“

Kein Seminarbericht!

Im Johannes Evangelium heißt es: Die Wahrheit wird euch frei machen. Wie ist eine solche Befreiungswirkung der Wahrheit zu denken. In Platons Dialog ‚Parmenides‘ lehrt der alte Parmenides den jungen Sokrates den Denk Weg von der Einheit zu dem Vielen Schritt für Schritt zu gehen (und wieder zurück vom Vielen zu der Einheit). Er warnt Sokrates davor zu große Begriffe zu verwenden und lehrt ihn in kleinen Schritten diesen Weg vom Einheitlichen zum Einzelnen zu vollziehen. Als Ergebnis dieser Denkschulung bilde sich ein Gefühl, sagt er: Das Wahrheitsgefühl. (Gyburg Radke hat über diesen Dialog ein wunderschönes Buch geschrieben: Das Lächeln des Parmenides).

Das Wahrheitsgefühl, als eine Empfindung, die sich durch das Denken erst bildet, kann dann auf die Seele wirken – diese Wirkung der Wahrheit war ein Thema des Mittelalters. Wie kann man sich eine Wirkung der Wahrheit, oder der ‚Empfindung hinter dem Denken‘ (Klünker) auf die Lebensprozesse vorstellen? Also eine befreiende Wirkung in die eigenen Lebensprozesse, aber auch darüber hinaus in die Naturprozesse?  Weiterlesen

Ich-Entwicklung begleiten 1

Unser erstes Arbeitstreffen war sehr intensiv! Das war sicherlich  dem intimen Rahmen geschuldet, aber auch den Teilnehmern, die aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern der sozialen Arbeit kamen. So konnten wir einerseits miteinander besprechen, welchen Unterschied es macht, wenn man mit dem Blick auf die Ich-Entwicklung auf eine Situation schaut, oder mit dem Blick, der in der gewöhnlichen Sozialarbeit üblich und gefragt ist. Die Fragehaltung macht es aus, in welche Wirklichkeit ich mit dem anderen Menschen hineinkommen kann. Smarte Ziele aus der Hilfeplanung sind etwas anderes als Ich-Entwicklung! Im zweiten Block ging es um das Bild des Ich, das im Organismus und in der Gestalt, aber auch in seinem Leben, wie verzaubert, untergetaucht wirksam ist. Der Mensch ist so gesehen erst einmal ein Bild von sich selbst, und in dieses Bild gehören alle Elemente mit hinein und gehören zum Ich dazu. Diese Perspektive führte zu neuen Fragen, was das für bestimmte Schicksalssituationen bedeuten würde. Daraus ergab sich ein intensives Gespräch zu bestimmten Formen von Behinderung und der Umgang der Menschen mit diesen Formen. Die Veranstaltung war so, wie von uns angestrebt, ein intensives miteinander Forschen an der Ich-Frage. Dabei konnten Elemente der ersten drei Seminare aus dem Frühjahr  im Gespräch aufgegriffen und vertieft werden. Vielen Dank!

Roland Wiese 9.11.2018

Neo Rauch

Auf arte war letztens ein Portrait des Leipziger Malers Neo Rauch zu sehen. (In der Mediathek noch zu sehen). Ohne dieses Portrait hätte ich mich wahrscheinlich nicht näher mit diesem Maler und seinen Bildern beschäftigt. Manchmal kann der Zugang zu etwas Neuem oder Fremden über die Bilder gehen, manchmal aber auch über die Person. In diesem Fall war es für mich die Person, weil mich die Bilder so gar nicht ansprechen. Ich hätte überhaupt keinen Zugang zu den Bildern bekommen, ohne diesen Film. Weder mag ich die Figuren, noch die Farben, noch die Kompositionen auf Anhieb. Das Erleben des Menschen, der diese Bilder malt, das ermöglicht der Film – gibt mir die Möglichkeit die Bilder anders anzuschauen, wie durch die Wirklichkeit des Ich des Malers hindurch, also nicht mit meinen vorhanden Empfindungen und ästhetischen Vorlieben. Das hängt auch damit zusammen, dass bei diesem Maler die Bilder direkt aus dieser Ich-Schicht heraus entstehen, und weiter begleitet werden. Dies betrifft sowohl die farbige Stimmung der Bilder, wie auch die Figuren (die ihn noch nachts verfolgen), aber auch die gesamte Komposition, die eine ganz eigenen Bildlogik gehorcht. Diese Bildlogik und auch die Art der Farbigkeit (Kunstkritiker sprechen von opaker Farbigkeit) haben eine Art Traumcharakteristik. Die Bilder sprechen durch diese Art natürlich die Phantasie der Betrachter an und bringen sie in diese mehr imaginative Stimmung. So wirkt es sehr skurril und intim zugleich, wenn man sieht, in welche Räume die Sammler seiner Bilder, diese hängen. Aber sie beschreiben sehr deutlich, dass die Bilder ihnen diese Räume ergänzen, entweder durch die Farbstimmung, oder durch die erweiterte Räumlichkeit, die das Bild in den Raum hinein schafft. Es geht also um Übergänge an den Grenzen der irdischen Räumlichkeit in die Farb- und Figur Räumlichkeit des Traumes, des Jenseits, einer imaginativen Wirklichkeit, die auch auseinanderliegende Zeiträume überspannt. Dabei scheint eine Art Grundstimmung immer wieder die Bilder zu durchdringen und zu tönen: Eine Lichtfarbstimmung, die ich mit den 50er und 60er Jahren verbinde. Wenn man dann noch aus dem Film erfährt, dass die Eltern des Malers bei einem Zugunglück ums Leben gekommen sind, im Alter von 19 und 21 Jahren, als er selbst erst einige Wochen alt war, und dass der Vater auch gemalt hat, dann kann man doch ansatzweise nachvollziehen aus welcher Wirklichkeitsschicht heraus der Maler malt. Auch die tiefe Ernsthaftigkeit, Kontinuität und Konsequenz Neo Rauchs verstärkt diesen Eindruck.  Diese Kraft hat sich sogar durch das Medium Fernsehen vermittelt und mir einen tiefen Eindruck von Mensch und Werk gegeben, der noch anhält. (Deshalb dieser Beitrag – als Fortsetzung dieser Wirkung)

Roland Wiese 23.10.2018