Forschungswege mit der Farbe IV

Ein weiterer Nachklang zur Ausstellung der Künstler in der Schreinerei in der letzten Woche mit einer Einführung von mir von 2013, mit der die Werkstatt Basel-Horstedt eröffnet wurde. Ein Nachklang und eine Fortführung unseres Forschungsweges mit der Farbe und mit der Kunst.  Beim Wiederentdecken des unten angefügten Textes wurde mir noch einmal deutlich welchen  Forschungs- und SchicksalsWeg wir (Elfi Wiese, Jasminka Bogdanoivic und Johannes Onneken) seitdem miteinander gegangen sind. Und zu dieser Kerngruppe gehören natürlich auch Wolfgang Voigt, Susanne Hörz und Rüdiger Mövens dazu.

Im letzten Jahr hatte unser Treffen ja in Basel stattgefunden – in der Volta Halle. Anlass und Inhalt war die große Ausstellung ‚Experiment Farbe‘, die Jasminka und Johannes mit Nora Loebe und Mathias Rang organisiert haben. Dort hatte Marianne Schubert schon uns angesprochen und von einer Ausstellung erzählt, die sie am Goetheanum veranstalten wolle. Und sie hatte Elfis Bilder gesehen und sie zu dieser Ausstellung eingeladen. Wir waren dann ja noch zum Goetheanum gefahren um die Ausstellung der Bilder von Hannes Weigert anzuschauen, die dort im Treppenhaus am Roten Fenster ausgestellt waren. Bei unserer Ankunft trafen wir direkt im Eingang auf Marianne, die uns eine sehr persönliche Führung durch die Ausstellung gab. Das war wie eine Art Auftakt zu dem Ausstellungsgeschehen in diesem Jahr. Die Ausstellung in diesem Jahr führte dann dazu, dass wir von Donnerstag bis Sonntag viel Zeit hatten miteinander zu arbeiten und uns auszutauschen. Und die Ausstellung führte auch, neben vielen anderen Künstlern, auch die Bilder von Johannes, Jasminka und Elfi wieder zusammen. Eine gewisse, fast wie ein Zitat wirkende, Objektivierung des Werkstattgeschehens von 2013.

Die Werkstatt damals war Ausstellung, Gespräch und Seminar zugleich. Sie zeigte Bilder und tauchte mit Wolf-Ulrich Klünker in das Thema Ich-Empfindung und Farbe ein – wie eine Wirklichkeit eigentlich erlebt und gleichzeitig konstituiert wird durch unser Empfinden (hinter dem Denken). Die Kunst ist gewissermaßen Vorform, Übraum und Übergangsraum für eine solche Ich-Wirklichkeit. In dieser Woche jetzt im November 2018 haben wir uns wieder mit einem Text von Wolf-Ulrich Klünker beschäftigt, den dieser für einen Katalog von Jasminka geschrieben hat als Einführung. Da tauchte wieder das Motiv auf, von dem Jasminka sagte, dass es auf der Podiumsdiskussion, die ja die Frage nach einer anthroposophischen Kunst stellte, eigentlich hätte besprochen werden müssen, was in diesem Aufsatz thematisiert wird. Dass Kunst unbedingt als Ergänzung die Forschung braucht und auch speziell die menschenkundliche Perspektive, damit sie nicht manieristisch wird. Das Verhältnis Anthroposophie und Kunst beinhaltet diesen Forschungsaspekt der Künstler von Beginn an. Es war von Beginn an Experiment. Und zwar nicht Experiment eines Stiles, sondern experimentelle Forschung des Menschen mit sich selbst (Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung). Die Wirkung dieser Forschung zeigt sich dann in aller Wahrheit und Wirklichkeit in den Bildern. Auch bei den Betrachtern  gilt der gleiche Maßstab: Ihnen gefällt das, wo sie sich gerade auf diesem Wege befinden. Wichtig ist mir dabei, dass natürlich jedes Bild, gewissermaßen automatisch beim Malen zum Ausdruck dieser Ich-Entwicklung des Künstlers wird, aber dass der Übergang von der inneren Entwicklung zu der künstlerischen Produktion selbst nicht ohne Abgrund zu haben ist. Die erreichte Selbstentwicklung kann im Malprozess nicht eins zu eins wirken, es ist kein Übertragen des Erreichten in das Bild möglich. Es muss über den Abgrund des Nichts gehen, wenn die Tätigkeit des Künstlers mit den äußeren Mitteln beginnt. Es beginnt in diesem Moment ein völlig neuer Weltprozess, in dem das bisher Erreichte und Gewordene nur dem dient – an dieser Schwelle aushalten zu können im Nichts. Jasminka hat das so beschrieben, dass sie dann glaubt gar nichts mehr zu können. Elfi hat dies ähnlich beschrieben. Im Malprozess selbst findet dann ein realer Ich-Schöpfungsprozess statt, der sich im Milieu des entstehenden Bildes vollzieht. Ein ständiges Auflösen von alten Vor-Stellungen und Vor-Annahmen und ein Umgehen mit den Elementen der Wirklichkeit. Das Produkt trägt dann eine objektive Charakteristik des Ich an sich, und es hat jenseits von Motiv und Stil im besten Falle eine Wirkung in den äußeren Raum hinein – es bestimmt und formt ihn, und eine Wirkung in das Erleben und Leben des Betrachters!

Auf dem Rückweg haben wir noch Susanne Hörz besucht, die uns von ihrem Forschungsansatz berichtete. Sie beschäftigt sich mit den verschiedenen Farben der Eurythmiefiguren (Charakter, Gefühl und Bewegung) – das erinnerte mich an eine Bemerkung von Jasminka, die bei ihren Portraits sich fragt, welche Farbe der Blick des anderen Menschen hat.

Für März 2019 ist im Atelier von Elfi eine Ausstellung von Wolfgang Voigt geplant, wo wir mit Bildbetrachtungen unsere Forschungswege fortsetzen können!

Roland Wiese 3. Advent 2018

Hier jetzt meine damalige Einführung, die schon ganz viel von dem Angeführten enthält!


Werkstatt Basel-Horstedt 2013

Eine Einführung

Liebe Werkstattgäste, geht eigentlich nicht so wirklich, liebe Werkstattmitarbeiter passt  vielleicht besser, ja woran arbeiten Sie eigentlich hier mit? Die Bilder hängen anscheinend fertig an der Wand. Die Malerinnen und der Maler  haben gearbeitet, sind fertig. Wieso eigentlich Werkstatt? Warum keine Ausstellung einfach in irgendwelchen großen Räumen – Bilder hängen an den Wänden und gut ist? Warum auch noch morgen eine Art Kurzseminar mit Wolf-Ulrich Klünker? Ich versuche Sie ein wenig in das Werkstattgeschehen einzuführen, so dass sie wenn Sie mögen mitarbeiten können. Zuerst möchte ich Jasminka und Johannes danken, dass sie für diese Werkstatt ihre eigenen Arbeitsräume zur Verfügung gestellt haben. Ich finde es irgendwie richtig, dass wir  hier in Basel in Dreispitz, aber auch in Blicknähe zum Goetheanum  diese Werkstatt durchführen. Wir hoffen übrigens, diese Werkstatt dann auch an anderen Orten mit anderen Künstlern weiterzuführen!

Ein erster Schritt der heute notwendig ist um den Begriff Werkstatt richtig zu verstehen, ist eine Entwicklung, die R.Steiner in seinen vier Mysteriendramen vollzogen hat zu erinnern: Vom Tempel zur Werkstatt, zur Firma, – also nicht wie bei Beuys Hauptbahnhof, sondern Werkstatt! Dabei geht es um einen Schicksalszusammenhang von bestimmten Menschen, der einen ungeheuren und teilweise äußerst problematischen Vorlauf hat, der aber Grundlage werden soll für eine Zusammenarbeit, aus der dann auch eine bestimmte Produktion hervorgehen soll. Es geht um eine komplizierte Zusammenarbeit von Individualitäten  und um eine gemeinsame Produktion. Und es geht um eine ziemliche Ernüchterung bei dem Begriff Werkstatt.  Viele wollen auch heute noch lieber Tempel! Aber diese Ernüchterung ist notwendig auch für die Maler. Wir werden darauf zurückkommen.

Diese Werkstatt hier steuert sehr bewusst den Zusammenhang von drei Malern mit einem Geisteswissenschaftler an. Dabei bleibt jeder in seinem Arbeitsfeld. Trotzdem würde ich behaupten, auch die drei Maler würden  diesen  geisteswissenschaftlichen Forschungsbezug bei sich zugeben.  Ich werde gleich noch etwas  dazu sagen, wie sich das auswirken kann auf die Bilder. Ich würde sogar behaupten, das gemeinsame Interesse für die geisteswissenschaftliche Forschung  bildet den gemeinsamen Hintergrund dieser Werkstatt. Bei Jasminka und Johannes zeigt sich dies ja auch beispielsweise in den  großen Projekten zu Goethes Farbenlehre,  bei Jasminka auch direkt in den doch stark immer weiter in die Tiefe gehenden Studien, seien es die Portraits oder auch die Farbstudien. Es ist ein stark erkennendes Arbeiten zu bemerken. Bei Elfi das Forschungsinteresse am Material,  den Farben der Erde, aber auch erkennender Umgang mit Formen. Aber auch ein ganz starker Forschungszusammenhang mit einer Gruppe von Menschen im Umkreis und in der Delos Forschungsstelle zu einer zeitgemäßen Menschenkunde. Gleichzeitig aber bei allen drei Malern ein völlig individueller eigener Malforschungsweg, mit ganz eigener Handschrift, ohne weltanschaulichen Duktus.

Diese Werkstatt, die sich von der Form her anlehnt an ein Werkstattgeschehen, dass Jasminka hier schon mit einer serbischen Freundin und Malerin  veranstaltet hat, ist der Versuch aus einer ziemlich schwierigen Lage einen ersten Befreiungsschritt zu wagen. Einen relativ unspektakulären, und möglicherweise auch gar nicht mit großem Scheinwerferlicht beleuchteten Schritt zu tun, für sich und die eigenen Bilder, aber auch für die Geisteswissenschaft und für die eigene Schicksalsempfindung. Ich will das hier nur andeuten, wir können das am Sonntag vielleicht im Gespräch ja noch vertiefen: Also nur einige Schlagwörter:  Kunst und Kunstmarkt als eine bestimmte, in seinen Extremen noch problematischere Wirklichkeit als zu Zeiten von Beuys, Anthroposophie das Gleiche nur andersherum– hochproblematisch in fast allen Dimensionen, anthroposophische Kunst? Wie kommt man aus einer gewissen Lage in einen nächsten freien Schritt? Es ist klar, auch wenn diese Maler keine Weltanschauung malen, sie sind auch nicht ohne den eigenen geistigen Forschungs-Anspruch zu haben, so bescheiden der auch sein mag.

Es gibt aber noch eine weitere Schicht, die die malerische Produktion berührt – die Fähigkeiten der Malerinnen und Maler gehen über das Malen hinaus. Alle sind auch tätig und wirksam mit der Kunst als individuellem Entwicklungsmittel – Elfi mit psychisch kranken Menschen, Jasminka und Johannes in der Erwachsenenbildung. Und ich glaube, dass diese Wirklichkeit, auch wenn sie oft eher so wirkt, als ob sie das Malen behindert, das Malen existentiell befruchtet. Und umgekehrt das eigene künstlerische Tun natürlich auch die Unterstützung anderer Menschen befruchtet. So hat die Begegnung mit Jasminka und Johannes, aber auch die Begegnung mit Wolfgang Voigt dem vierten im Bunde, nicht zufällig in solchen Erwachsenenbildungszusammenhängen stattgefunden.  Bei einer Sommerwerkstatt in Bad Bevensen, die jetzt schon seit 25 Jahren stattfindet.

Insofern ist diese malerische Produktion eigentlich ohne einen sozialen Prozess und ohne einen geisteswissenschaftlichen Prozess nicht zu denken, und so ist vielleicht auch eine solche Werkstatt ein möglicher nächster freier Schritt, der eine Art Konzentration all dieser Kräfte ermöglicht, um von da aus in eine neue verstärkte Austrahlungswirkung zu gehen.

Zum Abschluss vielleicht noch zwei Aspekte zu den Bildern. Zuerst es sind eigentlich keine Bilder im Sinne des Begriffes Bild. Bei einem Bild wissen wir eigentlich ziemlich genau, dass wir ein Bild sehen und nicht die Sache selbst. Ein Bild ist wie der Name schon sagt ein Bild von etwas. Das, was wir hier sehen, ist aber ein neuer Gegenstand, eine Sache für sich, die mit dem Begriff Bild nur unzulänglich bezeichnet ist. Wolf Ulrich Klünker hat dies in einem Katalog einmal so formuliert: „Die erste Substanz, die Wirklichkeit, auf die ein Bild zunächst verweisen kann ist die Individualität des Menschen, der dieses Bild geschaffen hat.“  In das Bild fließt alles mit ein, was diese Individualität ausmacht – der Maler arbeitet in jedem Bild an der Grenze seines bisherigen Ich. Das Bild bildet aber dieses Ich nicht ab, es ist Ausdruck seiner Entwicklung. Das ist aber nur die eine Seite des Bildes; die andere besteht darin, „dass  in ihr etwas substantiell wird, das ohne diesen Schaffensprozess nicht existieren würde. Bild und Wirklichkeit werden eines, wenn der Durchbruch zu einem individuellen Neuschaffen gelingt.“ Ein solches Bild ist für die Welt eine neue Wirklichkeit. Es ist ein Bild von sich selbst.  Ein solches Bild kommt als Möglichkeit in uns noch gar nicht vor. Es ist gar nicht einfach solche Bilder zu sehen.  Gerade wenn sie neu sind. Andererseits werden sie ganz langsam Wirklichkeit durch das Sehen der Menschen.  Deshalb drängen die Maler darauf ihre Bilder auszustellen. Sie kommen dadurch erst zur Welt.  Und die Maler werden sie los und können weitermalen. Und ich sage etwas Persönliches aus der eigenen Erfahrung, solche Bilder können, im Laufe der Zeit – quasi als eine Art ätherischer Langzeitwirkung, zu einer Art Freund werden. Dazu muss  aber der gesamte Kunstüberbau wegfallen und ich muß sie als Bilder von sich selbst wahrnehmen wollen. Auch dazu vielleicht mehr am Sonntag in unserem Gespräch. Jetzt hoffe ich, dass ich sie in unsere Werkstatt ein wenig mit hineinnehmen konnte und wünsche viel Freude beim Anschauen der farbigen Wesen . Wir haben heute den Vorteil, dass wir drei Maler dabei haben, dann vervielfältigt sich auch die Gesprächsmöglichkeit.

 

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