50 Jahre Turmalin Stiftung – ein Jubiläum mit Zukunft

Im Weihnachtsheft der Vierteljahresschrift ‚Anthroposophie‘ ist jetzt mein Bericht zum Jubiläum der Turmalin Stiftung erschienen. Aus diesem Anlass stelle ich diesen Beitrag noch einmal nach vorne. Außerdem ergänzt es den Bericht zum Delos-Seminar vom November 18.

3.12.2018

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Es war ein langer Weg von der Gründung der Turmalin-Stiftung 1968 durch Frida Lefringhausen in Bliestorf (bei Lübeck) bis ins Jahr 2018, zu einer ‚Jubiläumsfeier‘ der besonderen Art in Deggenhausen in den Räumen der Firma Sonett. Dieser Weg, das machte Monika Elbert in ihrem Beitrag zur Entwicklung der Turmalin-Stiftung in den letzten 50 Jahren deutlich, lässt sich nicht einfach linear von seinen Anfängen bis zu dem heutigen Tag denken. Die Anfänge: eine Sozialarbeiterin in Hamburg, die während des Krieges 3 Kinder bei sich aufnimmt; mit 6 Kindern zieht sie 1949 in ein ehemaliges Forsthaus in Bliestorf bei Lübeck um; Haus Arild, eine heilpädagogische Einrichtung, die in den 60er Jahren daraus erwachsen ist; die Turmalin-Stiftung, die das Immobilienvermögen der Einrichtung übernahm; die Beziehung von Frida Lefringhausen zur Anthroposophie und ihre Sehnsucht nach einer Art ‚Goetheanum des Nordens‘ in Bliestorf. Dieses Begehren war auch Ausdruck der Erkenntnis, dass eine wirkliche Heilpädagogik nur im Zusammenhang mit geistigen und künstlerischen Bemühungen gelingen kann, also in einem Milieu, das den ganzen Menschen in Entwicklung denkt. Und an diesem Punkt nähern sich Vergangenheit und Gegenwart schon etwas an. Auf der Suche nach geistiger Entwicklung war Frida Lefringhausen daran interessiert, Künstler und Geisteswissenschaftler für die innere und äußere Entwicklung nach Bliestorf zu holen. So fand sie auch Wolf-Ulrich Klünker, der dann ihr Nachfolger als Leiter der Turmalin-Stiftung wurde.

Wolf-Ulrich Klünker hat die Stiftungsarbeit stärker von der alltäglichen Arbeit der Einrichtung emanzipiert und die Forschungsarbeit an einer Weiterentwicklung der anthroposophischen Psychologie verstärkt. In den folgenden 25 Jahren konnten so die pädagogischen und heilpädagogischen Grundlagen erneuert werden, was sich in vielen Seminaren der Delos- Forschungsstelle für Psychologie und Veröffentlichungen dokumentiert hat.

Das wesentliche Thema des ‚Heilpädagogischen Kurses‘ von Rudolf Steiner (1924) ist ja die Bewegung eines Geistig-Seelischen, das sich mit einem Körper verbindet und diesen dann individualisiert, und die Probleme, die dabei entstehen können, wenn das Geistige-Seelische und die organische Entwicklung nicht zusammenpassen (was viele, sehr unterschiedliche Ursachen haben kann). Dieser Grundgedanke eines Geistig-Seelischen, das im Organismus wirkt und sich damit gleichzeitig eine Bewusstseinsgrundlage für das das Seelische schafft, das wir alltäglich als unser Erleben haben, dieser Grundgedanke wurde zum Ausgangspunkt für eine Psychologie, die sich nicht mit der Deutung des erlebenden Bewusstseins beschäftigt, sondern sich mit der Aktivierung der Erlebnisgrundlagen in die Entwicklungs-Zukunft dieses Bewusstseins wendet. Von hier aus ist es kein ganz so großer Sprung mehr, dieses sich selbst ergreifende und sich selbst entwickelnde Seelenleben nicht als reines Abbildgeschehen der äußeren Welt zu verstehen, sondern in ihm auch den Anfang der weiteren Entwicklung des äußeren Weltgeschehens zu sehen. Die Frage danach, wie ein solcher Übergang zu denken und zu realisieren ist, bildet den Hintergrund der gegenwärtigen Zusammenarbeit der Delos- Forschungsstelle mit der Firma Sonett und war deshalb Anlass, das Jubiläum, und damit die Frage nach der Zukunft der Turmalin-Stiftung, in den Räumen von Sonett und mit den dortigen Partnern stattfinden zu lassen. Eingeladen waren Mitarbeiter und Kinder aus ‚Haus Arild‘ und viele langjährige Weggefährten der Turmalin- Stiftung und der Delos- Forschungsstelle.

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Begrüßung der Gäste durch Monika Elbert von der Turmalin Stiftung (im Hochregallager)

Die Einladung zum Jubiläum am 11. und 12. Mai 2018 wurde mit dem Begriff ‚Sensibilisierung‘ überschrieben: Aus unserer Zusammenarbeit mit der Firma Sonett ist eine neues Sensibilisierungsverfahren im fluidischen Oszillator hervorgegangen. (…) In das Verfahren ‚Mistelform. Sensible Prozesse‘ sind viele geisteswissenschaftliche und menschenkundliche Voraussetzungen eingegangen, die wir in den letzten Jahren in der Turmalin-Stiftung und der Delos-Forschungsstelle erarbeiten konnten (…). Thematisch soll die Frage nach Sensibilisierung im Mittelpunkt stehen: geistig, sozial und in der Substanz.“ Wenige Tage vor dem Jubiläum waren als Ergebnis dieser Zusammenarbeit die ersten fertigen Produkte in den Handel gegangen. Die Jubiläums- Veranstaltung konnte so (vor allem am ersten Tag) diese Schicht der Zusammenarbeit, im Betrieb selbst zeigen und vorführen (dadurch wurde gleichzeitig auch der Weg der Firma Sonett, wesentlich geprägt durch Gerhard Heid und Beate Oberdorfer, anschaulich). Am nächsten Tag wurde dann in drei Gesprächsrunden dem Thema Sensibilisierung in den drei Bereichen, Stufen, Schritten nachgespürt.

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Betriebsführung mit den Gästen in der Firma Sonett

Sensibilisierung geistig, sozial, stofflich

Was ist mit ‚Sensibilisierung’ gemeint? Im Wesentlichen geht es, so führte es W. U. Klünker in seinem Beitrag aus, um das Menschlich-Werden geistiger Formkräfte. Die bisher objektiv wirkenden Naturkräfte seien immer mehr darauf angewiesen, durch die menschliche Empfindung zu neuer Entwicklungskraft zu kommen. Ohne eine solche, aus dem Ich des Menschen sich bildende Empfindung droht sowohl den Naturkräften, wie auch den eigenen konstitutionellen Kräften entweder die Überformung oder die Entformung. Nur das geistig und menschlich aktivierte Ich ist in der Lage aus einem aktuell empfundenen Wahrheitsgefühl heraus, diese beiden Entwicklungstendenzen in sich aufzuheben. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sich die unbewusste Lebensseite des Organismus (Funktion) und die bewusste Erlebensseite des Bewusstseins berühren, ja sogar „übergreifen“. Die Lebensfunktionen sind heute schon ansatzweise bewusstseinsfähig und die Wahrnehmungen haben über die Empfindung im Selbstgefühl bereits eine Lebensseite bekommen und sind nicht nur Abbild oder Vorstellung einer gegenüberstehenden Außenwelt. Überformung wäre dementsprechend das zu starke Bewusstsein (aus geistigen Vergangenheitsformen), Entformung das nicht aus der aktuellen Ich-Empfindung geformte Leben. Empfindung und Selbstgefühl richten sich aber nicht in direkter Weise in den Lebensbereich hinein; es werden nicht die Funktionen der Organe erlebt. Die Sensibilitätskräfte des Bewusstseins wirken weiterhin indirekt und unbewusst, die sensiblen Funktionskräfte des Organismus speisen sich aber aus den bewussten Sensibilitätskräften dahingehend, dass der Organismus insgesamt der Ich-Entwicklung folgt. Die Ich-Entwicklung wird dadurch in das Leben hinein existentiell vertieft (ein Prozess, der vor der verstärkten Ich-Entwicklung des 20. Jahrhunderts noch mehr als nachtodliches Geschehen zu verorten war).

Der Umgang mit der Mistel berührt exemplarisch diesen Entwicklungspunkt. Denn in der Mistel als einer Art zurückgebliebenem Pflanzentier sind diese beide Seiten, Leben und Sensibilität, noch ungetrennt, allerdings als Winter- und Sommermistel in der Zeit auseinandergehalten und ineinander übergehend. Steiners Anregung war es ja, diese beiden Seiten mittels eines Maschinen- Prozesses miteinander in eine Berührung zu bringen. Der auseinandergelegte Atemrhythmus zwischen beiden Polen soll zu einer Berührung zusammengeführt werden. Diese Berührung wird im jetzigen Mistelform- Prozess durch den fluidischen Oszillator realisiert (dazu unten mehr). Es wird bemerkbar, dass die Begriffszusammenhänge dieser Entwicklung sehr tastend und anfänglich sind, sie stützen sich jedoch, auf die jahrzehntelangen menschenkundliche Forschungen Wolf-Ulrich Klünkers und der Arbeit in der Delos- Forschungsstelle. Darin einbezogen ist eine jahrelange Untersuchung der anthroposophischen Arbeit mit der Mistel in der Gegenwart. Diese besteht ja im Wesentlichen in dem Bemühen, die Angaben Rudolf Steiners umzusetzen, um ein wirksames Medikament in der Krebstherapie zu entwickeln. Der eigene, jetzige Ansatz zielt nicht in diese Richtung. Die bisher entwickelten Produkte wirken nicht spezifisch therapeutisch als Medikament. Es geht vielmehr um einen präventiven Ansatz, der die individuelle Ich-Entwicklungs-Situation empfindbar macht und anregt. Als erste Produkte sind Körperpflege- Öle und Lotionen in jeweils 3 Duftrichtungen entstanden. Das in der Entwicklung wirkende Prinzip der Sensibilisierung ist nicht auf die Mistel als Pflanze begrenzt, sondern als „Mistelform – Sensible Prozesse“ offen für weitere Substanzen.

Der soziale Prozess gehört wesentlich zur ‚Mistelform‘ – Entwicklung dazu. Denn, damit aus den anfänglichen Experimenten W.U. Klünkers in der heimischen Küche mit der Mistelbeere und dem Mistelblatt das heutige Produktionsverfahren und das damit hergestellte Produkt werden konnte, war es notwendig, dass bestimmte Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenkamen und diese im Zusammenarbeiten erweiterten. Aus einem wechselseitigen, geistigen Interesse der Firma Sonett und der Delos- Forschungsstelle aneinander begann das gemeinsame Praxisprojekt. W. U. Klünker stellte die Mistelfrage in das Zentrum des Projekts. In seinem Beitrag während des Jubiläums betonte er, dass für ihn wichtig war, dass die entsprechenden zielgenauen Anregungen in den Entwicklungsprozessen von außen kamen, so wurde ihm z.B. die Technik des ‚fluidischen Oszillators‘, der für das Mistelprojekt gemeinsam weiterentwickelt wurde, aus seinem persönlichen Umfeld vorgestellt. Die konkret am Projekt arbeitenden Menschen haben die ‚Sensibilisierung‘ der Substanz im Oszillator Schritt für Schritt in gegenseitiger Anregung entwickelt, also ohne Masterplan, aber mit dem Begriff der Sensibilisierung als formende Kraft. Dabei gab es viele Einzelfragen zu lösen, von der Technik des Oszillators bis zur Frage der Stoffbearbeitung der Mistelausgangsstoffe usw.. Die Konkretion der Produktfrage ergab sich ebenfalls aus dem Entwicklungskreis. Andreas Rasch, ein erfahrener Pflegetherapeut mit eigener Praxis regte die Herstellung eines Massageöls an.

Beate Oberdorfer schilderte in ihrem Beitrag während des Jubiläums eindrücklich ihren Weg mit der Aufbereitung der Ausgangsstoffe Mistelbeere und Mistelblatt. Von der anfänglichen spagirischen Bearbeitung(Veraschung) bis hin zur Reduktion auf die einfachen Stoffe, die dann mit verschiedenen Trägern, wie Tonerde und Salz aufbereitet wurden, mussten immer wieder ganz neue Wege gefunden werden. Das gilt auch für den Sensibilisierungsprozess im Oszillator selbst. Auch dieser ‚Maschinenprozess‘ musste neu erfunden werden. Wesentliches Prinzip im Oszillator- Prozess ist  ein Hauptstrom, der durch einen Nebenstrom sensibilisiert wird. Auch das Prinzip der Durchsichtigkeit der ‚Maschine‘, damit der ganze Prozess vom Bewusstsein begleitet werden kann, gehört dazu. Ein weiteres Prinzip ist, dass der Oszillator selbst gar nichts ‚macht‘, sondern dass sich die Flüssigkeiten in ihm wechselseitig begegnen und berühren.

 

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Der Oszillator (In der Mitte die eigentliche Oszillator Form in dem Quadrat).

Alle diese kleinen, zu entwickelnden Schritte sind konkret aus dem Gesamtprozess bestimmt und gehören immanent zu dieser Produktentwicklung dazu. Im Nachhinein erschließt sich dieser Gesamtzusammenhang, jedoch im Vorwärtsgehen ist er in keiner Weise gesichert. Im Nachhinein besteht auch immer die Versuchung, diese oder jene abstrakte Vorstellung, Deutung oder Aufladung an den Prozess heranzutragen, ob z.B. die Apparatur größer oder kleiner sein könnte, oder man diesen oder jenen Stoff nehmen solle, welche Wirkungen mit dem Produkt angestrebt werden, usw. . Es wurde im Gespräch betont, dass es jedoch darum jetzt nicht gehe, das Produkt sei fertig und völlig frei von diesen Absichten. Die Entwicklung soll mit weiteren Produkten fortgesetzt werden. Martina Rasch berichtete darüber, dass Erfahrungen bezüglich der Wirkweisen der Körperöle in einem Anwenderkreis mit in der Rhythmischen Massage Tätigen, gesichtet und ausgewertet werden. Diese Arbeit soll jedoch nicht zu einer Einengung in altes therapeutische Wirkungsdenken führen, sondern eher in die weitere Entwicklungszukunft des Produktes.

Die ungeheure Spanne zwischen dem Begriffshorizont, der Produktentwicklung und dem fertigen Produkt wird deutlich; eine neue Begrifflichkeit (Sensibilisierung), ein neues Produktionsverfahren (Mistelform – Sensible Prozesse) und ein neues Produkt. Der Übergang von der Psychologie in die Physik oder der Übergang der Technik in den Lebensbereich, der damit angelegt ist, so schloss W. U. Klünker die Veranstaltung sei noch so anfänglich, dass es nur schwer sei, diesen Zusammenhang gegenwärtig in Gänze zu erfassen. Es wurde aber deutlich, dass gerade darin ein großes, kaum einzuschätzendes Potential liegt. Vor allem das projektartige Vorgehen der Beteiligten und die Zusammenarbeit sehr unterschiedlicher Menschen zeigen, worauf es bei einer solchen zukunftsfähigen Form von geisteswissenschaftlicher Physik (als Wissenschaft der Bewegung verstanden) ankommen könnte. Die Jubiläumsveranstaltung der Turmalin-Stiftung bei der Firma Sonett hat möglicherweise darin ihren Zukunftsaspekt aufgezeigt.

Roland Wiese 17.6.2018

 

 

 

 

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