Das Leben mit den Verstorbenen

Der Tod im Leben

Ich begleite seit einigen Jahren ehrenamtliche Sterbebegleiter von Hospizvereinen. Im Gespräch versuchen wir die Erlebnisse der Begleiter zu verstehen und zu vertiefen. Eine Frage taucht dabei immer wieder auf und zeigt sich als eine entscheidende Grenzfrage in dem ganzen Lebensbereich des Sterbens: Was ist nach dem Tod?  Dabei sollte diese Frage eigentlich recht unproblematisch zu beantworten sein, es gibt ja ein jahrtausendealtes Wissen über das sogenannte Jenseits. Aber, und das kennzeichnet die heutige Situation des Menschen sehr genau, die letzten einhundert Jahre der Wissenschaftsentwicklung haben diese Art von ‚Wissen‘ als Glauben diskreditiert und gleichzeitig diesen ‚Glauben‘ als eine subjektive Form des Wissens entwertet, so dass der ‚Glaube‘ heute vielen Menschen nicht mehr wirklich tragfähig erscheint. Man kann lange über die persönlichen Glaubenshaltungen und Annahmen sprechen, am Ende kommt dann oft der Satz: Aber man kann es ja nicht wissen! Und vielleicht noch als letzte Steigerung des Grenzerlebens: Es ist noch keiner zurückgekommen! Gibt es eine Möglichkeit dieser (selbstaufgebauten) Zwickmühle des Erkennens zu entkommen?

Geht man dann etwas tiefer ins Gespräch und fragt nach persönlichen Erfahrungen mit dem Sterben, dem was danach bekommt und Beziehungen zu Verstorbenen, dann berichten die meisten Menschen sehr intime Erlebnisse, die aber aufgrund der Intimität und Nähe als Erlebnisse wie einzeln stehenbleiben und die grundsätzliche Erkenntnishaltung nicht wirklich verändern. Man bleibt irgendwie gebunden an das Einzelerlebnis, das selbst dadurch auch fragwürdig bleibt. Man möchte es verstehen, aber die die im normalen Leben benutzen Denkweisen und Begriffe reichen dafür nicht aus. Interessanterweise gibt es auch (so weit mir bekannt) keine weitergehende Erforschung solcher Erfahrungen und Erlebnisse. Es wird viel im Bereich Nahtod-Erlebnisse geforscht, aber wenig im Bereich Beziehungen zu Verstorbenen. So wird zum Beispiel immer wieder von Erlebnissen mit Regenbögen berichtet, beispielsweise, dass man intensiv an jemanden denkt der verstorben ist, und dann plötzlich ein Regenbogen erscheint. Derjenige, der dies erzählt hat meist das hoch evidente Gefühl, dass beide Tatsachen zusammenhängen, die innere des Denkens und Fühlens des Verstorbenen und die äußere das Erscheinen des Regenbogens. Gleichzeitig ist den Menschen aber bewusst, dass ein solcher Zusammenhang, bzw. das Erlebnis das Innen und Außen deutlich zusammengehören nicht logisch nachvollziehbar oder gar beweisbar ist. Man bleibt mit diesem Erlebnisse allein für sich stehen und findet keinen Begriff dafür. Dabei ist schon das äußere Phänomen des Regenbogens ein Übergangsphänomen zwischen subjektiv und objektiv. Natürlich gibt es bestimmte Bedingungen für sein Erscheinen, natürlich können ihn auch mehrere Menschen gleichzeitig sehen und doch sieht jeder seinen eigenen Regenbogen! Natürlich ist der Regenbogen sichtbar und doch ist er nicht wirklich da, es gibt keinen konkreten Ort, an dem er sich befindet. Eine solche Wahrnehmung ist verwirrend, weil Subjekt und Objekt nicht sauber getrennt sind und ich deshalb nicht genau weiß, was ich mit einer solchen Wahrnehmung anfangen kann. Ähnlich geht es den meisten Menschen mit der Beziehung zu den Verstorbenen und der Frage, was nach dem Tod ist.

Dabei ist schon dieser erste, noch fragwürdige Zusammenhang, möglicherweise aussagefähig darüber, wie dieser Bereich des sogenannten ‚Jenseits‘ zu erforschen ist. Dieser Zusammenhang besagt ganz einfach erst einmal nur, dass sich das Verhältnis von Innen und Außen, von Innenwelt und Außenwelt verändert. Es verändert sich dahingehend, dass das innere Erleben und das Erleben des Äußeren sich miteinander verbinden. Normalerweise ist man gewöhnt, dass das innere Erleben und die äußere Welt nur insofern verbunden sind, dass das Äußere ein Innenerleben erzeugen kann, aber weniger, dass das Innere Erleben in/mit einem Äußeren zur Erscheinung kommt. Wenn es zu solchen Phänomenen des Übergänglichen und Zusammenhänglichen von Innen und Außen kommt, kann dies erst einmal verunsichern. Meist sind solche Erfahrungen ja auch mit einem starken Empfinden unterlegt, so dass es schwer fällt dazu eine Distanz aufzubauen. Zu diesen Erlebnissen gehört, dass sie meist im normalen Leben auftauchen und einen eigenen Erlebnis-Raum schaffen, der danach wieder verschwindet und das normale Leben weiter geht. Durch dieses Sonderverhältnis zu alltäglichen Erleben haben diese Erlebnisse etwas Unheimliches und Sonderbares, gleichzeitig erscheinen sie aber etwas Wichtiges zu sein. Etwas Wichtiges für den Verstorbenen, wie für den Angehörigen. Und sie ermöglichen eine Verbindung zu jemandem, der ansonsten nicht mehr wahrnehmbar ist. (Als die Frau meines Onkels plötzlich und noch relativ jung verstarb, habe ich ihm einen langen Brief geschrieben. In diesem Brief versuchte ich auszudrücken, dass man sich vielleicht schon im Leben daran gewöhnen müsse mit Menschen, die man nicht mehr sehen kann weiterhin verbunden zu sein. Nicht mehr sehen, heiße ja nicht, nicht mehr da sein. Als mein Onkel dann etwas zehn Jahre später starb, nachdem er eine schwierige letzte Zeit gehab hatte, hatte ich plötzlich eine ‚Botschaft‘ von ihm, als Gedanken und Gefühlszusammenhang: Es sei auch gut, dass man, wenn man gestorben ist, für eine Zeitlang nicht mehr gesehen werde.)

Das führt zu einer zweiten Beobachtung, die für solche Erscheinungen des Jenseits im Diesseits charakteristisch sind: Man kann den Erlebenden nicht aus dem Erlebnis herausnehmen und das Erlebnis verobjektivieren (um es damit zu verifizieren). Diese Tatsache erfordert eine bestimmte Umgehensweise mit solchen Erfahrungsbereichen. Daraus folgt auch in einem zweiten Schritt, dass die Beziehung zwischen den Protagonisten (Verstorbener und Angehöriger) wesentlich ist für das Erleben. (Davon wird in Todesanzeigen immer gesprochen, aber wer nimmt diese Aussagen wirklich ernst- z.B. eine Aussage wie die, dass der Verstorbene immer dort ist, wo man auch ist). Auch die Art, wie jemand nach dem Tod mit einem Verstorbenen in Beziehung ist wird hochindividuell sein – die eine Beziehung kann also nicht als Beweise für oder gegen etwas verstanden werden. (So wird oft bei Nahtoderlebnissen argumentiert, dass bestimmte Menschen solche Erlebnisse haben und andere nicht, sei dann ein Beweis dafür, dass die nachtodliche, oder nahtodliche Realität eingebildet ist).

Wer also etwas über dieses Leben nach dem Tode erfahren will, muss sich also an der Grenze entscheiden, ob er es wirklich will. Diese individuelle Entscheidung des einzelnen Menschen wird dann zur Grundlage für seine weiteren Erkenntnismöglichkeiten. Zu sagen: Man kann es nicht wissen, bedeutet dann, ich will mich nicht auf ein Wissen einlassen, das meine bisherigen irdischen Wissensarten erweitern würde. Diese Erweiterung würde sich dann auch auf andere Lebensbereiche und Wissenschaftsbereiche beziehen. Denn die Beziehung zu Verstorbenen und die Verbindung mit der Welt in der sie leben, die im übrigen die gleiche ist in der wir leben, würde auch unsere Verhältnis zur Natur verändern und auch zu den lebenden Menschen, mit denen wir in Beziehung stehen. Ähnlich wie bei der Geburt eines Menschen kann auch der Tod eines nahestehenden Menschen, ja selbst der Tod von fremden Menschen schockartig für eine kurze Zeit unser alltägliches Erleben zerreißen und einen Raum eröffnen, in dem ganz andere Verhältnisse von Zeit, Raum, Beziehungen zu sich selbst und zu anderen Menschen gelten. Man fühlt sich wie herausgehoben aus der normalen Welt. Aber auch die langjährige Beziehung zu Verstorbenen kann, bei entsprechender Empfänglichkeit, neben das normale Alltagsleben eine Art Sonderleben aufrechterhalten, in dem diese Beziehung ihren Raum und ihre Zeit hat. Meist sind solche Erlebnisse vordergründig nur wie Inseln im normalen Leben, aber bei genauer Beobachtung bildet eine solche Beziehung auch ein Hintergrundempfinden, so dass alle alltäglichen Empfindungen sich dazu wie kontrastieren. Man nennt dies heute meist ‚Trauern‘, man könnte es aber auch, und vielleicht würde diese passendere Bezeichnung helfen individuelle Gefühlen und Empfindungen nicht mit einem zu allgemeinen Trauerbegriff zuzuschütten, man könnte es ein Leben mit dem Tod (oder ein Leben mit den Verstorbenen) nennen. Es könnte sein, dass gerade heute das Leben mit dem Tod, das würde bedeuten den Tod, und damit auch die Verstorbenen in das eigene Leben zu integrieren, auch die Brücke bauen würde, die uns als Menschen wieder mit anderen Menschen und mit der Natur in einer neuen Weise verbinden würde.

Roland Wiese 2.6.2019

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