Arbeit und Ich-Entwicklung

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Letzte Woche habe ich auf dem Bauckhof Stütensen mit den Mitarbeitern an der Frage gearbeitet, wie die eigene Ich-Entwicklung mit der Entwicklung der Menschen in der Werkstatt zusammenhängt. Dabei stand natürlich erst einmal die Frage im Raum, was Ich-Entwicklung ist. Hier das Handout der Fortbildung. Mit dem Bauckhof Stütensen und seinen Mitarbeiter*innen bin ich schon lange verbunden. Schon in den neunziger Jahren habe ich sie in ihren Entwicklungen begleitet. Ich freue mich, wenn ich dort bin, immer über die schöne Entwicklung, die der Ort in den Jahrzehnten vollzogen hat. Insofern spiegelt der Ort auch meine eigene Entwicklung der letzten 25 Jahre. (Das Foto ist von der Webseite und zeigt ganz gut die Entwicklung des Ortes)

https://www.bauckhof.de/muehle-hoefe/bauckhof-stuetensen/

Einleitung

Wir müssen heute zwangsläufig miteinander forschen! Denn es gibt zwar einiges Material zur Frage von Biografie, auch zur Frage der Ich-Entwicklung gibt es viel Material, aber es gibt wenig bis gar nichts an Material über den hier hergestellten Zusammenhang. Das ist hier heute also mehr Forschungs-Werkstatt als Fortbildung!

Aber der erste Schritt wird sein, dass wir uns selbst als Forschungsgegenstand  nehmen. Wir werden also in der ersten Einheit mit einigen Grundfragen exemplarisch das Gebiet ausleuchten. In der zweiten Einheit werde ich etwas aus der Ich-Entwicklung beitragen.

Man konnte noch bis zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von echten Arbeitsbiografien sprechen. Zu den einzelnen Arbeitsgebieten gehörten richtige Kultur-Milieus, wenn man z.B. ans Ruhrgebiet denkt. Im Zuge der forcierten Individualisierung ist dies alles aufgebrochen, die äußere Durchgängigkeit der Biografie, die äußere Linearität ist immer weniger vorhanden. Es ist mehr Raum da für individuelle Bewegungen, aber gleichzeitig auch für große Unsicherheiten. Was soll ich werden, was soll ich tun, werde ich gebraucht? Und diese Fragen stellen sich nicht nur am Anfang der Berufsbiografie, sondern permanent neu. Dazu kommen noch die Fragen, die aus den Beziehungen zu Partnern in die Arbeitsbiografie hineinwirken. Dies gilt zunehmend auch für die berufliche Entwicklung von Menschen mit Behinderungen. Auch da öffnen sich immer mehr Möglichkeiten für eine eigenständige Entwicklung nach dem persönlichen Interesse. Aber da stehen wir erst am Anfang!

1.Einheit

  1. Wie seid ihr zu dem gekommen was ihr jetzt macht?
  • War es mehr ein Schicksalsgeschehen, oder bewusste Entscheidungen?
  • Wie seht ihr die Entwicklungsmöglichkeit für euch in der Arbeit?
  • Was ist euer Ziel/Motiv in der Arbeit?

2. Einheit: Was ist Ich-Entwicklung und warum ist sie für Pädagogen, Betreuer und Therapeuten wichtig? 

HPK S.33

„Ein pädagogisches Gesetz, das in aller Pädagogik erscheint, ist dieses, daß wirksam ist in der Welt auf irgendein Glied der menschlichen Wesenheit, wo es auch immer herkommt, das nächsthöhere Glied, und daß es nur dadurch wirksam zur Entwickelung kommt. Zur Entwickelung auf den physischen Leib kann wirksam sein ein im Ätherleib Lebendes, in (irgend)einem ätherischen Leib Lebendes. Zur Entwickelung auf einen Ätherleib kann nur wirksam ein in einem astralischen Leib Lebendes sein. Zur Entwickelung auf einen astralischen Leib kann wirksam nur ein in einem Ich Lebendes sein. Und auf ein Ich kann wirksam sein nur ein in einem Geistselbst, Manas Lebendes. Ich könnte es noch weiter fortführen über das Manas hinaus, aber da würden wir schon in die Unterweisung des Esoterischen hineinkommen.

„Das fehlende Wissen unter Therapeuten bezüglich Ich-Entwicklung und anderer Entwicklungstheorien bringt viele Klienten allen Alters um einen Schatz an Wissen, der eine große Auswirkung auf die Art der Behandlung und die Interventionsstrategien haben kann.“ (Noam in T. Binder S.242)

„Es bliebe zu fragen, ob ein Entwicklungsbegriff des Ich, der nicht an den Grenzen von Tod und Geburt haltmacht, nicht per se „lösende“, „erlösende“ und damit befreiende Wirkungen auf die Selbsterkenntnis und das Selbsterleben ausüben könnte. Eine solche Psychologie und Psychotherapie (und Sozialtherapie R.W.) wären in der Lage, Entwicklungen aus der Zukunft zu denken und nicht nur vergangenheitsbegründet.“ (Klünker, Psychologie des Ich, S.177)

Was ist das Ich?

Das Ich ist aus Möglichkeit und Wirklichkeit zusammengesetzter Geist! Ein Zitat aus dem Mittelalter. Was bedeutet das in heutige Sprache übersetzt? Es bedeutet es gibt ein potenzielles Ich und ein aktuelles Ich. Wie kann man sich das vorstellen?

Ich habe mal bei einer Tagung zum persönlichen Budget es so erklärt, dass heute jeder Mensch eigentlich merkt, wie er von dem anderen Menschen angeschaut wird. Ob er an seinem äußeren Erscheinen gemessen wird, oder ob er als Ich angeschaut und behandelt wird. Es ist aber nicht jeder Mensch immer in der Lage dieses potenzielle Ich eigenständig zu aktualisieren. Wir sind also alle mehr oder weniger davon abhängig, wie andere Menschen uns anschauen und behandeln, mehr als entwickelnde Wesen, oder mehr als dass wir zu sein scheinen.

Was ist Ich-Entwicklung?

Jetzt geht es erst einmal nur um Entwicklung. Ich möchte, dass wir uns erst einmal nur damit beschäftigen, was eigentlich Entwicklung und im besonderen Ich-Entwicklung ist. Dabei gilt es zu beachten: Entwicklung ist nicht lustig! Entwicklung ist auch nicht organisch oder linear. Entwicklung ist immer dort nötig und findet dort statt, wo (meine) Grenze ist! Für die Ich-Entwicklung bedeutet das, sie beginnt dort, wo das bisherige gewordene Ich sich auflöst und sich ein neues Ich bildet. Aus der Richtung des bestehenden Ichs geschaut ist das tendenziell eher verunsichernd und unangenehm, gleichzeitig ist es aber auch lustschaffend und zukunftseröffnend. Es geht deshalb heute nicht um Selbstoptimierung, sondern um Selbstrealisierung, nicht mehr um Karriere als Typus der Arbeitsbiografie, sondern darum was bleibt, was wirkt.

Es gibt ganz zwei grundsätzlich verschiedene Arten der Entwicklung. R. Steiner unterscheidet  in seinen Erziehungsvorträgen 1907 zwischen der Kulturentwicklung der Menschheit, die das Ich erst hervorbringt, also von außen nach innen – Menschheit zum einzelnen Menschen, und dem Umschlagpunkt, an dem die weitere Ich-Entwicklung vom einzelnen Menschen selbst ausgeht, also eine Entwicklung durch das eigene Ich. Diese Entwicklung sollten wir uns einmal näher anschauen.

Ich erweitere die zwei Stufen Steiners auf drei Entwicklungsarten  des Ich: 1. Die Entwicklung zum Ich, 2. die Entwicklung als Ich und 3. die Entwicklung durch das Ich. Das letztere meint die Wirkung, die sich durch die Ich-Entwicklung auf mich, auf meine Umgebung, auf andere Menschen, auf die Natur vollzieht. Wichtig ist daran: Das Ich hat es nicht immer schon gegeben! Es ist ein Entwicklungsergebnis, aber es war potenziell schon veranlagt. Es ist auch nicht gesichert, außer durch die weitere Entwicklung, die ab einem bestimmten Entwicklungspunkt nur durch das einzelne Ich selbst vorgenommen werden kann. Dies beinhaltet ein großes Entwicklungsrisiko, ohne dass aber eine wirkliche Ich-Entwicklung nicht möglich wäre. Wichtig ist bei Stufe 1 Entwicklung zum Ich – ist das Ich das Ziel der Entwicklung, bei Stufe 2 findet die Entwicklung im Ich selbst statt in Stufe 3 ist das Ich das Organ oder Werkzeug der Entwicklung. Das heißt das Ziel der Ich-Entwicklung ist jetzt das Geistselbst, wie Steiner es nennt, oder eine höhere Ich-Stufe, wie es die amerikanische Psychologie kennt.

Wie geht Ich-Entwicklung oder auch Selbstentwicklung?

Es ist relativ einfach Ich-Entwicklung beginnt immer mit einer Bewusstseinsentwicklung und einer Aktivierung des Denkens. Sie setzt also im normalen Alltagsbewusstsein und Denken an. Die Kraft des Denkens, jenseits des reaktiven Reflektierens, kann nur aus der eigenen Ich-Tätigkeit heraus gestärkt werden. Ich muss also als Erstes mein Denken willentlich in Entwicklung bringen. Es muss sich unabhängig und frei von äußeren Eindrücken halten und bewegen können. Damit entsteht ein freier Bewusstseinsraum, der nicht an die Alltagseindrücke gebunden ist. Diese Entwicklung ist heute eigentlich bei nahezu jedem Menschen speziell in der Jugendzeit virulent. Aber leider endet sie bei den meisten Menschen mit dem Eintritt in das Berufsleben. Dann wird das Denken meist nur noch instrumentell gebraucht, um den Alltag zu regeln. Die amerikanische Entwicklungspsychologie hat durch viele Studien herausgefunden, dass die meisten Menschen dann auf einer ganz bestimmten Entwicklungsstufe stehenbleiben.

Einschub: amerikanische Psychologie der Ich-Entwicklung

Die amerikanische Ich-Psychologie ist weitgehend eine empirische Psychologie, sie erforscht durch Befragungen bestimmter Gruppen. Dabei hat sie, und sie heißt Jane Loevinger, in den 60er Jahren quasi zufällig das entdeckt, was sie dann Ich-Entwicklung genannt hat. Ich bin zufällig über den Autor Thomas Binder und sein Buch ‚Ich-Entwicklung für effektives Beraten‘ auf diese Forschungen gestoßen. Und das, nachdem ich selbst mit drei Co-Autor*innen gerade ein Buch über Ich-Psychologie veröffentlicht hatte. Ich kann hier nur einige Forschungsergebnisse, die für uns hier heute wichtig sind, mitteilen. Man kann das ja nachlesen, wenn einen das näher interessiert.

Man findet in der Ich-Entwicklung nach Loevinger wieder drei Stufen, nun in der individuellen Entwicklung, die der der menschheitlichen Ich-Entwicklung entsprechen, eine präkonventionelle Stufe zum Ich hin, eine konventionelle Stufe im Ich, und eine postkonventionelle aus dem Ich heraus. Man könnte auch sagen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter. Das Problem heute und bei Menschen mit Behinderungen im Besondern ist, dass diese Stufen auch teilweise nebeneinander und durcheinander in einem Menschen vorhanden sind.

Zitat Thomas Binder S.41

„Diese Entwicklung folgt einer gemeinsamen Richtung, die zu immer größerer Differenziertheit und Integriertheit des eigenen Ich’s führt.(…):  1. Der Charakter entwickelt sich von stark impulsgesteuert und mit Befürchtung vor Bestrafung (bei falschem Verhalten) beschäftigt zu immer stärker selbstregulierend und eigene Maßstäbe für sich findend, die später wieder zunehmend transzendiert werden.

2. Der interpersonelle Stil entwickelt sich von sehr manipulierend zu immer stärker die Autonomie anderer berücksichtigend sowie für alle Seiten tragfähige interpersonelle Vereinbarungen achtend.

3. Der Bewusstseinsfokus ist bei frühen Stufen stärker auf externe Dinge und eigene Bedürfnisse gerichtet. In späteren Stufen ist dieser auch mehr auf interne Aspekte (Motive, Gefühle etc.) sowie Individualität und Entwicklung hin ausgerichtet,

4. Der kognitive Stil entwickelt sich von sehr einfach und undifferenziert zu immer größerer konzeptioneller Komplexität, Multiperspektivität und Fähigkeit mit Widersprüchen umzugehen.

Wichtig sind mir zwei Aspekte: 1. In vielen Studien hat man herausgefunden, dass die Ich-Entwicklung bei Erwachsenen heute auf einer ganz bestimmten Stufe stagniert. Es geht da nicht weiter, anscheinend geht es dort kulturell von allein nicht weiter! Die Entwicklung bleibt im Bereich der Rationalistischen und der nächsten, der Eigenbestimmten Stufe stehen. Anscheinend ist die weitere Entwicklung von eigenen Bewegungen abhängig, die aber bisher gesellschaftlich nicht veranlagt oder gefördert werden. Dies gilt auch für Menschen mit akademischer Ausbildung. Ich deute das jetzt mal so, die eigentliche Entwicklungskraft des Geistes, also das Denken, wird instrumentalisiert für äußere Zwecke. Wir werden darauf später noch zurück kommen. 2. Die wichtigste Veränderung im Laufe der Ich-Entwicklung ist das Verhältnis von innen und außen, von Subjekt und Objekt. Das Innere wird Äußeres, und das Äußere wird zunehmend Inneres. Das bedeutet im Zuge der Ich-Entwicklung wird die Trennung von Innen und Außen zunehmend überwunden. Das bedeutet auch die Trennung zwischen zentralem Ich und peripherem Ich, wie auch die die Trennung zwischen Mensch und Natur/Sache. Gleichzeitig muss ich mich aber halten können in einem solchen Übergänglichen. Deshalb gibt es heute so viele Störungen, wie Panik Attacken, Ängste, Zwänge, Depressionen, aber auch die bekannte Borderline Störung. In allen spielt die obengenannte Entwicklung eine Rolle.

Das Ich in der Gegenwart muss immer mehr sich darüber bestimmen was zu ihm gehört, die Identität lässt sich nicht mehr über ein stabiles gegebenes inneres Selbstgefühl sichern.

Es reicht anscheinend die normale gesellschaftliche Entwicklungsumgebung nicht aus, um eine solche Entwicklung zu garantieren. Ich muss selbst etwas tun. Was wäre eigentlich, wenn die gesamte anthroposophische Übungskultur, aber auch andere Elemente heute zu nichts anderem dienten, als eine solche Ich-Entwicklung anzustoßen. Ich muss also zusätzlich zu meiner Lebensentwicklung eine Bewusstseinsentwicklung eigenhändig führen, die sicherstellt, dass die Lebensentwicklung im Sinne des Ich läuft, und nicht nach irgendwelchen äußeren Kriterien.

Was können wir also tun, dass eine solche Bewusstseinsentwicklung für uns und für die Menschen in unserer Umgebung angeregt und  ermöglicht wird – gehen muss sie dann ja jeder selbst? Nur ein solches sich frei entwickelndes Bewusstsein wird sensibel für die Entwicklungsmöglichkeiten in der jeweiligen Situation.

Wie sieht ein Entwicklungsmilieu aus, dass Ich-Entwicklung der Beteiligten fördert und nicht hemmt?

Interesse, Weltbezug des Ich, Arbeit des Ich

Alle Entwicklung, die mit dem Ich zu tun hat, ist nicht besonders spektakulär, meist auch nicht besonders groß. Ich-Entwicklung beginnt immer ganz klein und im ganz Kleinen. Die Entwicklung des Denkens dient nicht dem Zweck immer schlauer zu werden, sondern sensibel zu werden für die kleinen Bewegungen des Ich/Geistselbst in mir und in meinem Leben. Eine solche feine und meist unscheinbare Bewegung, ohne viel Kraft, die man in sich wahrnehmen kann, ist das was man gemeinhin Interesse nennt.  Man findet in sich ein Interesse vor, das meist nicht abgeleitet werden kann oder begründet. Dieses Interesse lebt in mir, bezieht sich aber auf irgendeinen speziellen Gegenstand auf eine Sache in der Welt. Ich spreche jetzt nicht von massiven Begierden, oder Wünschen oder Sehnsüchten. Ich meine ein relativ einfaches und sachliches freies Interesse. Dieses Interesse ist eine seelische Tatsache in mir. Ist objektiv und subjektiv zugleich. Es spricht von einem Welt- oder Sachbezug in mir, der einfach vorhanden ist, aber nichts will. Man kann ihn auch schlecht begründen oder herleiten. Es ist einfach eine auftauchende Empfindung das ist interessant!

Ohne dass ich jetzt aus dem Ich heraus etwas mit diesem Interesse mache, wird aus diesem Interesse nichts. Wenn ich aber einem solchen Interesse, einer solchen freien Intention nachgehe, dann kann sich mein ganzes Leben, eine ganze Welt daraus entwickeln. Man könnte eine ganze Biografieforschung darauf aufbauen, wenn man die Empfindung des Interesses einmal untersuchen würde. Auch therapeutisch wäre es hochinteressant, weniger von Symptomkomplexen eines Menschen auszugehen und stattdessen mehr daran zu arbeiten solche Interessensempfindungen in ihm freizulegen.

Das Interesse, das ich hier meine, ist in Wirklichkeit die Verbindung des Ich zur Welt, aber zu einer ganz bestimmten Welt, nämlich zu der Welt des Ich oder des Individuums. Im Interesse lebt nicht irgendetwas Pragmatisches, sondern wie Hegel sagt: Die Natur der Sache, also das eigentliche Wesen der Sache. Und damit ist im Interesse die Sache nicht so, wie sie ist, sondern auch als Entwicklungssache, als zu entwickelnde Sache, das heißt in dem Interesse lebt die Sache als Entwicklungskraft und Entwicklungsinhalt zugleich.

Zitat Hegel: Das wirkliche Mittel aber und der reale Übergang ist die Einheit des Talents und der im Interesse vorhandenen Natur der Sache, jenes stellt am Mittel die Seite des Tuns, dieses die Seites des Inhalts vor, beide sind die Individualität selbst , als Durchdringung des Seins und des Tuns. S. 264 P.d.G.

Ich habe etwas mit dieser Sache zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das Ich muss also gar nicht mühsam den Weltbezug herstellen, er ist in ihm konstitutionell angelegt als Interesse, als freie Intention. Natürlich ist die heutige Welt nicht unbedingt so eingerichtet, dass es leicht ist solche Interessen und Intentionen in sich zu bemerken und dann diesen auch entsprechend nachzugehen. Aber und das ist, sowohl therapeutisch für andere, wie für mich selbst wichtig, im Interesse und in der freien Intention liegt der eigentliche Ich-Wille oder Wille des Ich. Und nur wenn ich dieses Interesse freilege, bemerke, ernst nehme und ihm nachgehe, kann ich erfahren was eigentlich von mir gewollt ist.

Könnte man Arbeitsbiografie, oder die Entwicklung der eigenen Arbeitsbiografie nicht in einem solchen Motiv finden? Nur eine solche ichförmige Wirklichkeit, in die ich mich hinein entwickele, kann noch die angemessene Lebensumgebung für das Ich sein. Weil nur eine solche Wirklichkeit resonanzfähig ist für das Ich und mir insofern auch immer wieder sagt, was der nächste kleine Schritt ist, was zu tun ist. Dies gilt für meinen Organismus und im Weiteren auch für die Natur. Der Begriff Steiners von der Hof-Individualität deutet darauf hin, dass auch die Natur, hier die Landwirtschaft, aber es gilt natürlich auch für die Landschaft, auf eine solche Ich-Wirksamkeit angewiesen sind, um sich weiterzuentwickeln. So wie das Ich im Menschen formend tätig ist, so kann es auch in der Natur von innen wirksam sein. Man muss sich nur einen anderen Blick angewöhnen. Die eigene Ich-Entwicklung, auch das eigene in der, durch die Sache und die  Sache entwickeln, ist meist mühsam und klein. Neu wäre jetzt auf die Resonanz zu achten, die diese Tätigkeit hat. Die Resonanz im Sozialen, die Resonanz der Natur und damit eigentlich die gesamte hierarchische Resonanz. Die Resonanzwirkung kann viel größer sein als die Ich Bewegung. Übrigens auch im Negativen, bei Ich-Abwesenheit, bei Verobjektivierung der Welt kann es auch massive Effekte geben, die gar nicht in der üblichen Weise als Ursache und Wirkung zu erkennen sind. Sie sind nur im Ich bemerkbar.

3. Einheit Was ist meine Ich-Frage?

Nach der mehr allgemeinen Betrachtung von Ich-Entwicklung wollen wir zum Schluss deshalb zu uns selbst als Forschungsmittel zurückkommen. In einer Fortbildung in der Laufenmühle war ein interessantes Ergebnis, dass am Ende nach der Beschäftigung mit der Frage der Ich-Entwicklung in einer Abschlussrunde bei vielen TeilnehmerInnen eine ganz individuelle und spezifische Ich-Frage auftauchte. Das hat mich zu der Hypothese gebracht, dass möglicherweise die gesamte äußere Lebensentwicklung mit dieser inneren Ich-Frage zu tun hat. Also alle sind äußerlich gesehen am gleichen Ort, machen vielleicht sogar die gleiche Arbeit und warum sie das machen, dem liegt eine ganz individuelle und spezifische Frage zu Grunde. Es kommt vielleicht für Zukunft zunehmend darauf an, dass diese Frage aufwachen kann, bemerkt wird, von mir oder von anderen. Da kamen solche Fragen wie: Gibt es überhaupt ein Ich? Hat die Natur ein Ich? Was hat mein Körper mit meinem Ich zu tun? Wo kommt das Ich her? Was bleibt von diesem Ich? Usw.

 Also zum Abschluss vielleicht noch einmal eine kurze Bedenkzeit. Und jeder fragt mal in sich hinein, was eigentlich aktuell seine Ich Frage in der Arbeit sein könnte. Das kann sich ja weiter entwickeln.

Abschlussrunde: Offen geblieben ist die Frage nach der Entwicklung der Digitalisierung und der Ich-Entwicklung

Zum Abschluss: Was ist das Geistselbst

Zitat zu der Frage: Was ist das Geistselbst? „Wenn das seelen- und leibabhängige (und damit sterbliche) Ich Anschluss an das unsterbliche Ich finden will, so setzt es in seiner Substanz Geistselbst-Qualität voraus. Dasjenige Ich-Bewusstsein, das die leibschaffende, seelenschaffende und Weltbeziehung schaffende Kraft des Ich umfasst, gründet auf der eigenen Geistselbst-Entwicklung. Unter Geistselbst soll hier diejenige Existenzform des Ich verstanden werden, die die eigenen seelischen und leiblichen Existenzvoraussetzungen zu vergeistigen vermag, also vom Ich her zu verwandeln beginnt. Der Anfang einer solchen Entwicklung ist mit dem Ich-Bewusstsein gegeben: Wenn beispielsweise eine Gefühlsreaktion oder ein Lebensprozess nicht mehr einfach natürlicherweise ablaufen, sondern vom Ich-Bewusstsein begleitet werden, bedeutet dies einen ersten Schritt von dessen Vergeistigung im Sinne von Individualisierung. Weitere Schritte würden darin bestehen, bisher nicht gegebene oder erlebte  Seelen- und Lebensprozesse vom Ich-Bewusstsein her zu inaugurieren; (…)

In einem solchen Sinne kann das gleichsam vorweggenommene Geistselbst als Vorläufer und Grundlage der Ich-Entwicklung gelten. Selbstverständlich gilt, dass das entwickelte Geistselbst nur aus den Verwandlungsstufen des Ich gebildet werden kann. (…) Dieses Entwicklungsprinzip kann leichter verstanden werden, wenn man ein Erkenntnis- und Lebensgesetz der älteren spirituellen Überlieferung beachtet: das zeitlich Spätere (in diesem Fall das Geistselbst) geht in Bereichen  geistigen Fortschrittes oft wesensbezogen voran. So ist die Form des unsterblichen Ich individuell im Geistselbst veranlagt, obwohl zeitlich gesehen das Geistselbst erst aus der Ich-Entwicklung hervorgeht.“ Wolf-Ulrich Klünker, Wer ist Johannes, S.  127 ff.

Literaturhinweise:

Thomas Binder, Ich-Entwicklung für effektives Beraten

Wolf-Ulrich Klünker, Selbsterkenntnis  Selbstentwicklung

Robert Kegan, Die Entwicklungsstufen des Selbst

W.U. Klünker, J. Reiner, M. Tolksdorf, R. Wiese, Psychologie des Ich

Roland Wiese, Zwischen Leben  und Tod – Vom Leben auf der Grenze

Roland Wiese, Blog auf rolandwiese.com

Ziel der Veranstaltung war, das Thema Ich-Entwicklung erst einmal ins Bewusstsein zu bringen und anzuregen sich damit weiter zu beschäftigen. Fortsetzung  und Vertiefung ist jederzeit möglich. Jeder für sich oder auch gemeinsam.

Roland Wiese 18.3.2021

Handout Arbeit und Ich-Entwicklung

6 Gedanken zu “Arbeit und Ich-Entwicklung

  1. als Zeugnis dafür, dass ich mich – zumindest auf einer rationalen Stufe – intensiv mit dem Text beschäfigt habe – vielen Dank dafür -, einige kleinere Korrekturen:
    „dass war zu sein scheinen“ – „dass wir zu sein scheinen“
    aus dem Zitat von „Wer ist Johannes“:
    seelenschaffende
    Geistselbst
    Ich-Bewußtsein (2x)
    Seelen- und Lebensprozesse
    Grundlage

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