Das Wirkliche Ich

In dem Katalog ‚Karl Ballmer Kopf & Herz‘, der anlässlich einer großen Aussstellung des Malers Karl Ballmer (1891-1958) 2016 erschienen ist findet sich ein schöner Beitrag von Ulrich Kaiser: ‚Ballmers ursprüngliche Einsicht‘. In diesem Beitrag habe ich eine interessante Stelle zum Ich gefunden. Karl Ballmer schreibt an seinen Freund Friedrich Widmer:  „Ein <allgemeines Ich> ist Begriff, denn ein Begriff ist ja stets ein <Allgemeines>. Das Wirkliche Ich ist aber nicht im Sinne eines Allgemeinen, sondern ist Individualität, Einzigmaligkeit. Bedeutet <Wissenschaft> das System der Begriffe, die von einem obersten Begriff (etwa  <Gott>) zusammengefasst werden, so bedeutet das historische Auftreten des wirklichen Ich für die Wissenschaft die Notwendigkeit, das System der Begriffe zu verwandeln in ein System der Iche.Also wenn z.B. bislang der Baum erkannt war, wenn der <Begriff> des Baumes festgestellt ist, so wäre jetzt nur fortan zu fragen: in wiefern ist der Baum Ich. Oder wenn bislang die erkenntnistheoretische Grundfrage lauten dürfte:<Was ist das Erkennen?>, so hätte auf dem Boden der neuen Tatsachen zu lauten:<Wer ist das Erkennen?>“ (S. 136)

Roland Wiese 27.8.2018

 

16 Gedanken zu “Das Wirkliche Ich

  1. Das wirkliche Ich. Umweht nicht schon diese Überschrift ein gewisser Hauch von Absurdität. In einer Zeit, in der wir tagtäglich viele Male das Wort „Ich“ gebrauchen – was tue ich da, wenn ich nach dem wirklichen Ich frage? Genauer betrachtet muss das doch heissen, dass ich wenn ich „Ich“ sage nicht in meinem Ich gegenwärtig bin, denn ansonsten müsste ich nicht nach dem wirklichen Ich fragen.
    Autsch … das lässt mich jetzt auf dem Boden auf dem ich stehe schon etwas schwanken. Wenn nicht, dann … und das tut, so ich in meinem augenblicklichen Bemühen mir gegenüber konsequent ehrlich voranschreite richtig weh, stehe ich mit der Aussagen dieser Überschrift (das wirkliche Ich) tatsächlich nicht im Ich. Ich bewege mich im Allgemeinen, sinniere gewissermassen vom Dach der Welt aus in meinem (gemeinhin unbemerkt) dual ausgerichteten intellektuellen Räsonieren über ein zu Begreifendes, das ich in Tateinheit nicht begreife, wenn ich im gleichen Atemzug in dem ich es begreifen will nicht der „inneren Bewegung“ mich in seelischer Beobachtung beobachtend annähern kann, was ich da genau zu begreifen suche.
    Denn: Über das Ich kann nicht gedacht werden. Ich kann nur aus dem Ich heraus denken. Doch um diese Art zu denken innerlich auf den Weg zu bringen muss ich ich mich zunächst meines Willens vergegenwärtigen. Und dies bedeutet sich ein Tun innerlich abzuringen, was gegen die vorherrschende Gewohnheit anzugehen hat. Denken als Prozess-Erfahrung.
    Hier geht es also um eine Umstülpen in meinem Verhältnis zur Welt, was heisst: Ich muss in das Verwirklichen dessen, was ich zu verstehen trachte unmittelbar eintreten und kann es nicht mehr, wie bis anhin es von aussen als irgendwie Unbeteiligter einfach nur betrachten. Ich erschaffe im beobachtenden Inne-Werden meiner begreifenden inneren Bewegungen, meines beständigen Begriffe Umschmelzen im jeweiligen Erfassen dessen was ist Wirklichkeit. Ich erfasse mich selbst, erhelle mich in meinem Ich-Sein mehr und mehr, erfahre mich als Ich.
    Die Aussage „das wirkliche Ich“ beinhaltet also eine Erfahrung inneren sich Bewegens oder sie verweist auf ein Noch Nicht, verharrt in einem Allgemeinen, das seiner Verwirklichung im gegenwärtig bilden seiner Bewegungen an den jeweiligen Tatsachen noch harrt. Individualität ist ein fort und fort sich Bildendes und kein Status.
    Dem gemäss ist die Ich-Du Begegnung, wo auch immer sie geschieht eine in ihren Untergründen immer sehr Ernste. Das wird auf den ersten Blick so nicht gesehen und das ist auch gut so. Karl Balmer aber beunruhigt die Frage nach dem Ich, in seinem Bildwerk vielerorts mehr als in seinem Sagen an seinen Freund Friedrich Widmer, denn da bekommt es, wenn auch eine mitunter verhüllte, darüber hinaus scheinende aber geradezu dynamische Farbigkeit. Abgründe und innere Erschütterungen des Erfahrens tun sich auf … und Balmer stellt sich in einem nachgerade erratischen inneren künstlerischen Ringen „seinen Ich-Erfahrungen.“
    Wegen deutlicher Überlänge ist der ganze Kommentar unter dem Titel:
    Ich – Karl Balmer – Die Frage geht weiter
    auf meinem Blog https://ich-quelle.blogspot.de nachzulesen.

    Bernhard Albrecht Hartmann

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    1. Ich weiss wohl, was Ballmer seinem Kollegen mitteilen wollte. Aber da er es nicht gesagt hat, sondern sich – wie auch sonst so oft – provokativ abgekürzt zu äussern beliebte, ist dasjenige, was Sinn machen würde, in seiner Äusserung doch nicht drin. Ich meine, die vermeintlich vergangene zentrale Frage der „Erkenntnistheorie“ (Steiners): „Was ist das Erkennen?“ geht nicht durch Überspringung ihrer selbständigen Vertiefung – d.h. erkenntnispraktischen Beantwortung – in die Frage „Wer ist das Erkennen?“ über. Für Ballmer blieb „Erkenntnistheorie“ immer Theorie. Das stachelte ihn dazu an, mit dem Hammer zu philosophieren, wofür er, posthum, von etlichen allgemeine Bewunderung erfahren hat.

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    1. Lieber Bernhard Albrecht Hartmann, dieser zweite Kommentar spricht mich sehr an. Das Ereignis des Ich ist heute der einzelne konkrete Mensch (mich selbst eingeschlossen). Mit Hegel gesprochen: „Dasein, Leben, Denken usf. bestimmt sich wesentlich zum Daseienden, Lebendigen, Denkenden (Ich) usf.“ Man kann heute Menschen sich selbst denken sehen. Man kann sehen, wie sie sich selbst denken und es dann sind. Das ist ein Ich-Ereignis. Gleichzeitig denken wir uns gegenseitig. Empfinden uns gegenseitig zur Wirklichkeit. Bringen uns gegenseitig zur Welt.

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  2. Lieber Roland
    Vielen Dank für die Vorlage, die Du mir zugespielt hast für einen 3.Teil zur Frage nach dem wirklichen Ich. Nach einigem rRngen um die geeignete Form habe ich ihn nunmehr auf meinem Blog eingestellt. Ich hoffe , dass unser begonenes Gespräch weitergehen kann.
    LG. Bernhard

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    1. In aller Kürze melde ich mich nochmals mit einem Kommentar zu Eurem Gespräch zu Wort. Ihr werdet sehen, ob Ihr ihn berücksichtigen, d.h. mich einbeziehen könnt oder wollt. R.Steiner äussert in seiner Freiheitsphilosophie, dass das „allgemeine Ich“ sehr wohl in dem dem Denken zugänglichen Geistbereich zu finden, dass hingegen die Bildung des „Ich-Bewusstseins“ an die persönliche Organisation mit seiner Zeitraum-Limitierung gebunden sei. „Genauer betrachtet muss das doch heissen, dass ich wenn ich „Ich“ sage, nicht in meinem Ich gegenwärtig bin, denn ansonsten müsste ich nicht nach dem wirklichen Ich fragen“, lese ich von Bernhard Albrecht. – Nun, genau so ist es! – Da die Ich-Individualisierung sich allein in der Zeit und durch verschiedene Inkarnationen vollenden kann, lädt die Vertiefung der Frage „Was ist das wirkliche Ich?“ das allgemeine, höhere Ich in den persönlichen Bewusstseinsumkreis ein. Es wird insofern ausgeladen, als ich jenes mir nur als „abstrakt allgemeines“ vorzustellen mich genötigt sehe. Ich entgleite der prozesshaften Bildungsmacht des wirklichen Ich, wenn ich mit meinen zweifellos ichhaften Denkakten mich mit dem dabei auftretenden leibabhängigen Willenserlebnis zu begnügen suche. – Wenn es die geistige Spannung zwischen „gewöhnlich selbstbewusst denkendem“ und „wirklichen“ Ich nicht gäbe, müsste man Rudolf Steiner einen grossen Vorwurf daraus machen, dass er seine Schüler mit einer Meditation wie der folgenden auf Erkenntnisabwege lockte (in seinem letzten Londoner Vortrag, 2,Sept.1923): «Ich schaue in die Finsternis. In ihr entsteht Licht, lebendes Licht. Wer ist dies Licht in der Finsternis? Ich bin es selbst in meiner wahren Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit des Ich tritt nicht ein in mein Erdendasein. Ich bin nur Bild davon. Ich werde es aber wiederfinden, wenn ich guten Willens für den Geist durch des Todes Pforte gegangen.»
      Schönen Abend und gute Nacht !

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      1. Lieber Reto Andrea
        Leider ist mir Dein zweiter Kommentar innerhalb des Gespräches mit Roland bis heute entgangen. Er war wohl zum Zeitpunkt meiner Antwort (https://ich-quelle.blogspot.com/2018/09/nachtrag.html) auf Deinen ersten Kommentar hin von Roland noch nicht eingestellt, ansonsten wäre meine Antwort an Dich nicht nur auf Karl Ballmer bezogen geblieben. Wenn heute nach Deinem zweiten Kommentar auch schon mehr als sechs Wochen verstrichen sind, will ich mich dennoch darauf beziehen. Ich halte Deine Einlassungen nämlich für so wesentlich, dass ich sie unbedingt in den laufenden Gesprächsfaden mit Roland einbinden will.

        Du schreibst, … „dass hingegen die Bildung des „Ich-Bewusstseins“ an die persönliche Organisation mit seiner Zeitraum-Limitierung gebunden sei.“
        Womit wir im Zusammenhang mit der seelischen Beobachtung bei der Zurückdrängung des Leibes wären. Beim Aufräumen des eigenen Augias-Stalles nach der inneren Weisung, die ich mir aus meinem Beobachten zusprechen will. Aus der Spannung Interesse … Interesse und noch einmal Interesse, das Rudolf Steiner vor allem nach der Weihnachtstagung vehement einfordert (für den, der ernsthaft hinhören will), dem bedingungslosen Interesse für den anderen Menschen also einerseits und der Selbstkritik aus seelischem Beobachten heraus andererseits, aus dieser auszuhaltenden Spannung heraus kann sich Ich-Bewusstsein bilden. Diese Spannung ist also der Kern und gleicherweise der Keim aus dem Erwachen am anderen Menschen sich herausarbeitet zu einer wirklichkeitsgemässen Geistes Repräsentanz in heutiger Zeit.
        Von daher gesehen ist auch ein Freies Geistesleben keine formale Struktur gesellschaftlicher Zusammenhänge, sondern es kann als fortlaufendes Arbeitsergebnis nur aus den Ich-Bewusstseins-Anstrengungen der in unterschiedlichen „Zeitraum-Limitierungen“ auf und auch gegeneinander bezogenen Menschen hervorgehen. Freies Geistesleben ist also alles andere als ein in der Empfindung mitunter subjektiv hochgepushtes Nirvana-Erleben (in dem Sinne: „wir“ sind Inselwächter seiner Realität). Es fusst vielmehr auf ernster täglicher Arbeit in den eigenen herakleischen Augias Ställen, was in zahlreichen dualistisch ausgetragenen „alltäglichen“ Auseinandersetzungen unter Menschen nicht selten vollkommen aus dem Blick gerät.
        Aus meiner Sicht noch pointierter gesagt: Solange die zeitbedingte Grundspannung der Dualität heute noch vornehmlich „gegen“ den jeweils anderen Menschen ausgetragen und nicht als genuine Grundspannung meiner und nur meiner ureigenen zu bearbeitenden Entwicklungsspannung begriffen wird, solange können dringend notwendige Entwicklungen auf der Weltbühne wie in privaten Umräumen weiter nur zögerlich vorankommen. Im Kleinen haben wir hier eine viel grössere „wirksame“ Verantwortung für das Ganze, als wir in innerem Stammtisch-Gebaren“ uns gegenüber zuzugestehen bereit sind. Der „Andere“ steht mehrheitlich im Fokus unser einschätzenden Betrachtungen und nicht ich. Der Andere und nicht meine ätherisch-astralische, bzw. meine in Denkblick und Denkwille gelenkten Innenprozesse einer „notwendigen“ Entflechtung meiner Seelenkräfte und damit der Grundprozess der Zurückdrängung des Leibes.
        Rückblickend auf das bisher Gesagte ein vielleicht notwendiger Einschub zur Klarstellung: Ich kritisiere hier weder Dich Reto noch sonst irgendeinen möglichen Leser dieser Zeilen, sondern ich erlaube mir lediglich ungeschminkt den Illusionsschleier über einigen heutigen allgemein zugänglichen inneren und äusseren menschlichen, wie welthaften Erscheinungsweisen etwas anzuheben, was in meinen Augen zu einer zeitgerechten Bewusstseinsarbeit unbedingt dazugehört. Wer will kann sich dem anschliessen und als Anregung aufnehmen eventuelle weitere individuelle Illusionsschleier für sich aufzudecken.
        Du schreibst in Deinem Kommentar weiter: „Ich entgleite der prozesshaften Bildungsmacht des wirklichen Ich, wenn ich mit meinen zweifellos ichhaften Denkakten mich mit dem dabei auftretenden leibabhängigen Willenserlebnis zu begnügen suche.“ –
        Dem will ich hinzufügen, dass Ich mich mit meinem leibabhängigen Willenserlebnis insoweit begnüge, wenn ich dieses als Bollwerk missbrauche für streitbare Dualität-Rangeleien um den Vorrang eigenen Vermeinens. Hat nicht Rudolf Steiner immer wieder und besonders eindringlich in den letzten beiden Lebensjahren darauf hingewiesen, dass alle Vorstellungen zu verbrennen seien? Ich will das Beharren in Vorstellungen hier einmal bildschaffend als den weit ausgreifenden und letztlich todbringenden Arm von Ich-Bewusstseinsbildung benennen. Abwegig? Oder tiefer betrachtet ins Zentrum treffend?
        Um der möglichen Auflösung dieser Frage ein wenig näher treten zu können will ich an das von Dir benannte Zitat Rudolf Steiners in seinem Londoner Vortrag vom 02.09.1923 anknüpfen. „ «Ich schaue in die Finsternis. In ihr entsteht Licht, lebendes Licht. Wer ist dies Licht in der Finsternis? Ich bin es selbst in meiner wahren Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit des Ich tritt nicht ein in mein Erdendasein. Ich bin nur Bild davon. Ich werde es aber wiederfinden, wenn ich guten Willens für den Geist durch des Todes Pforte gegangen.“
        Wenn ich mich dem Verbrennen, dem tatsächlichen Veraschen von Vorstellungen wirklich entschiedener zuwende, was ein sehr langer sich fortlaufend vertiefender Prozess ist, dann bringt mich dies in einen inneren Zustand, dass mehr und mehr Haltestangen meines bisherigen Selbstgefühls weg brechen. Ich schaue im Sinne Rudolf Steiners buchstäblich in die Finsternis, sehe mich vor ein Nichts gestellt, dass mich wie aufzusaugen droht. Das dahin gehende Erleben kann dabei so bedrängend über mich herfallen, dass ich die Flucht nach rückwärts antrete, um für mich wieder an diversen Vorstellungen Halt zu finden.
        Da solches heute auch mehr unbewusst im Alltag begleitend geschehen kann ist es verständlich, wenn in sozialen Auseinandersetzungen nicht selten geradezu verbissen um die Erhaltung des eigenen Standpunkt gekämpft, bzw. in bestimmten Internet Foren sogar ein „sportlicher“ Hashtag betrieben wird einzelnen Teilnehmern in einer unbewussten Gegenbewegung alle Haltestangen wegzunehmen. Geistige Dunkelheit ist bei der heutigen äusseren Lichtüberflutung und Informations-Überreizung etwas, was in der einen oder anderen Weise nicht so einfach auszuhalten ist und deshalb auf jede nur denkbare Weise übertüncht und übertönt wird.
        Weiter: „In ihr (der Finsternis) entsteht Licht, lebendes Licht.“ So ein derartiges Erfahren nicht in oder nach krisenhaften Lebensereignissen eintritt, dann kann dieses Lichterleben innerhalb eines fortgeschritteneren beweglichen Denken eintreten. Das individuelle Ich kann im Verlauf derartigen Erlebens gewissermassen leise hervortreten und mit der Zeit zu einem Brennpunkt unmittelbar geistigen Erfahrens werden, eines Erfahrens das in seiner um sich greifenden Dynamik umso eher zentriert gehalten werden kann, je stärker das Denken gleichlaufend weiter ausgebildet und in sich vertieft wird. Es ist dies ein Prozess, der mit aller gebotenen Zurückhaltung im Bilde einer Brückenüberquerung, im sokratischen Sinne eines „Durchgangs“ durch das „ich weis, dass ich nicht weis,“ andeutend zu beschreiben ist.
        Brückenüberquerung: Setze ich mich damit im Sinne des oben genannten Londoner Vortrags von Rudolf Steiner nicht in einen Widerspruch zu ihm? Heisst es doch dort: „Diese Wirklichkeit des Ich tritt nicht ein in mein Erdendasein. Ich bin nur Bild davon.“ Es steht dort aber auch zu lesen, dass ich dieses Ich „wiederfinden (werde), wenn ich guten Willens für den Geist durch die Pforte des Todes gegangen.“ Wer dies lauschend liesst, dem kann in der inneren Anschauung ein Bogen, eine Brücke vor Augen treten, die empfindungsstark beide Satzsequenzen überspannt. Zwischen beiden tritt nämlich im oben skizzierten Sinne ein markantes Todes-Erleben oder eine ganze Kette von inneren Todes-Empfindungen ein, die sich über den Zeitraum ihres Erlebens zu einem Gesamterleben bündeln. Im Sinne von Angelus Silesius tritt hier also zu Lebzeiten der Tod ein („Wer nicht stirbt bevor er stirbt, der verdirbt“). Mit diesem Todes-Erleben werde ich in Folge dahin geführt das eigene Ich in meinem Erdenleben immer wirksamer finden zu können. Das Ich wird zu einer Leben spendenden Quelle.

        Bernhard Albrecht

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  3. Ach Reto Andrea …
    Das Lauschen scheint nicht unbedingt Deinem praktischen Sinnen nahe zu liegen. Das anschauende innere Abstand-Nehmen … und von daher die Sachzusammenhänge, das Wort, Karl Balmer aus sich sprechen zu lassen … ohne das aufprägende Überstülpen eigenen Vermeinens, sprich das untergründig Mitschwingen Lassen von unreflektierten Kurzschlüssen über wie Karl Ballmer im Verständnis gewisser Zeitgenossen „angeblich war“. Nach meinem übenden Umgang mit Erkenntnistheorie gehören solcherart Fingerübungen mit seelischen Beobachtungen unter anderem zum Grundbestand praktischer Vermittlung einer Erkenntnistheorie.
    Karl Ballmer war kein einfacher Zeitgenosse, für eher empfindungshafte Weggenossen mitunter geradezu eine schreckhafte Herausforderung. Seine unterschwellige Zen-Gebärde in seiner verkürzten Wortwahl vielleicht auch für den einen oder anderen bedrohlich.
    „Stell Dich auf Deine eigenen Füsse“ leuchtete durch nahezu all sein Tun auf. Darin war er unbequem, galt in gewissen Kreisen als Querkopf ohne Taktgefühl für andere Daseinsweisen. Dass er damit aber nur sich selbst über alle Widerstände hinweg treu blieb, die Fackel einsamer Ich-Herrschaft hochhielt, dahin reicht bis heute nur das Verständnis ganz weniger Menschen. Ich wage hier zu sagen, dass seine tiefere Bedeutung für die praktische Seite der Erkenntnistheorie in Zukunft erst noch wirkkräftig zu enthüllen sein wird.
    Aus dem tieferen Umgang mit seinem Bildwerk kann jedoch schon heute hervorgehen, dass Karl Ballmer geradezu rigoros in der Art war, was er sich in jedem Pinselstrich seines malerischen Arbeitens an äusserster Bewusstheit abverlangte und auferlegte. Sich vor die weisse Leinwand setzend rang er bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus stundenlang und das über Wochen hinweg immer wieder mit der puren weissen Leinwand oder auch einigen wenigen gesetzten Pinselstrichen, … bis jegliche perspektivische Vorstellung über ein Bildgestalten sich von innen her aufzulösen begann und er ganz in den Erfahrungsraum seines eigenen Sehorgans, seiner denkenden schöpferischen Sehkraft (1) eintreten konnte. Imagination aus dem Hintergrund aufgelöster Perspektive „schüchtern“ im malerischen Tun in Erscheinung treten konnte.
    Die gewissermassen vibrierenden Inn- und Umräume vieler seiner scheinbaren auf ein Äusserstes hin reduzierten flächigen Bildelemente können einem abstrakten Bildbetrachter daher nicht anders als verborgen bleiben. Das Bildschaffen von Karl Ballmer zu verstehen, dazu gehört eine grosse innere Regsamkeit, bzw. sehr, sehr viel Unvoreingenommenheit und Offenheit. oder wie es Peter Suter sagt: „Mit unerschrockener Direktheit wird hier eine Einladung formuliert, die Enge konventioneller Erkenntnis zu überwinden.“ (2)
    Karl Ballmer lebt und bezeugt in der Art seines künstlerischen Schaffens das „was Erkennen ist, wer der Erkennende“ im Erkennen ist. Er ist darin streng, wie gleicherweise milde. (3)

    Bernhard Albrecht Hartmann

    (1) Karl Balmer: „Drei Vorträge über Kunst,“ Verlag Fornasella, CH-6863 Besazio,
    2. Auflage 1996 Seite 29
    (2) Peter Suter in: Karl Ballmer Kopf und Herz, Aargauer Kunsthaus, Aarau / Ernst Barlach Haus,
    Hamburg, Verlag Scheidegger und Spiess AG Zürich 2016, Seite 139
    (3) Thomas Hunkeler über Samuel Beckett begegnet Karl Ballmer in: dito, Seite 133

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    1. Für mich ist es interessanter als zu klären, was Karl Ballmer damals gemeint haben könnte, oder wer er ist, wie es mit dem Ich weitergegangen ist, bzw. weitergeht! Ich gebe ja zu, dass der Satz für mich nur ein Anreger war, selbst weiterzudenken, und ich ihn damit in die Gegenwart geholt habe. Eigentlich müsste man aber heute, und das wäre jetzt der Kern meiner Fragestellung, nicht nur vom wirklichen Ich sprechen, sondern, und das macht auch das wirkliche Ich verständlicher, vom wirksamen Ich. Wir haben gerade heute hier eine Veranstaltung gehabt, wo es um diese Frage ging, wie die Wirksamkeit der eigenen Empfindungen eigentlich zu denken ist. Die Wirksamkeit des Ich über sein Empfinden der Natur in die Natur, über sein Empfinden in den Organismus und schließlich über die Empfindung im Zwischenmenschlichen auch in die soziale Wirklichkeit hinein. Natürlich mit einer Empfindung, die sich am Denken oder aus dem Denken gebildet hat. (Quelle: Die Empfindung des Schicksals, Wolf-Ulrich Klünker, Das Kapitel: Das Gefühl differenziert sich.) Gesendet von Mail für Windows 10

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  4. Lieber Bernhard Albrecht, ich bin mir nicht sicher, ob die alten Unterscheidungen von Ego und Ich noch aktuell sind. Seit einiger Zeit erlebe ich da eine bestimmte Veränderung. Da wo das alte Ego noch lebensbestimmend ist, ist es inzwischen abgestiegen in eine solche Verhärtung, dass es im Seelischen für eine massive ‚Raserei‘ oder griechisch ‚mania‘ sorgt. Es ist quasi kein Ego mehr, dass als eine Übergangssituation im 19. und 20. Jahrhundert menschenkundlich vielleicht notwendig war, sondern ein Unter-Ego. Der Übergang solcher verhärteter und nicht individualisierter Denkprozesse in die eigene Organisation zeigt sich dort eben als unsensible Gefühlsprozesse. Insbesondere der eigene Atemprozess ist angewiesen auf Ich-Prozesse im Denken, weil er sonst ähnlich wie äußere meteorologische Phänomene nicht fein genug ist um eine Beseelung des Luftprozesses zu bewirken. Vieles, was heute politisch inhaltlich diskutiert wird, ist mehr ein menschenkundlich pathologisches Problem. Interessanterweise erlebe ich das meist ganz anders dort, wo Menschen es mit psychischen Problemen real zu tun haben. Dort wo, sie bewusst schon mit ihrer Erkrankung ringen, ist die Ichaktivität viel präsenter und das alte Ego zeigt sich als diese Erkrankung, also als ein festgehaltener Seelenprozess (im Hegelschen Sinne). Meiner Meinung nach hat sich diese Entwicklung seit den neunziger Jahren deutlicher gezeigt. Vielleicht brauchen wir neue Begriffe um dieser Wirklichkeit gerecht zu werden? Roland

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    1. Lieber Roland. Ich kann Deine Gedanken nachvollziehen. Da das Ego in meinen Augen aber schon mindestens seit der Römerzeit unter den Menschen eine immer stärker wirksame Kraft ist, steht für mich an Begriff und Erlebnisweise des Ego für unsere Zeit zu schärfen und in seinem Wirken innerhalb gegenwärtiger Entwicklungen als herausfordernde Kraft zu verstehen.
      Du weist mit der „Raserei“ in Deinen Worten zwar auf ein bedeutsames Zeitphänomen hin, wenn Du in diesem Zusammenhang jedoch von absteigen in die Verhärtung sprichst, dann fehlt mir der Gegenbegriff zu absteigen. Absteigen und Aufsteigen stehen nämlich aus meiner Sicht heute in einem entscheidenden Wechselverhältnis. Vielleicht können wir allenthalben z.B. in diversen Internet-Foren soviel „astral“ Raserei bemerken, weil dem auf der anderen Seite ein zu wenig an entschiedenem Hineingehen in die Kraft eigener Selbstermächtigung gegenüber steht. Das wirksame Ich agiert zu zaghaft und zu wenig auf Augenhöhe hin.
      Wir lassen uns auf eine sehr hintergründige Weise von derartigen Phänomenen mehr als uns vielleicht bewusst sein mag astral infiltrieren und weil wir es oft zu spät bemerken, können wir im Sinne des Heilpädagogischen Kurses und einer Empfehlung von Rudolf Steiner dort nicht „aus dem nächst höheren Wesensglied“ auf entsprechende Situationen antworten.
      Die Raserei wird zwar aussen gesehen, aber zu wenig bei sich in z.B. diversen Unruhestürmen bemerkt und angenommen. Eine jede Raserei im Aussen hat ihre Entsprechung, wenn möglicherweise auch nur in einer abgeschwächten Form in der eigenen Seele. Gleiches erkennt sich durch Gleiches. Diese Raserei will also in seelischen Beobachtungen erkundet sein, wenn die Fähigkeit aus der eigenen Seele heraus erwachsen soll derartigen Rasereien im Aussen wirksam begegnen zu können.
      Du und ich können von daher nur entschiedener an unseren vielleicht allzu gerne verschleierten Ego-Ausdrucksweisen arbeiten, dürfen diese nicht klein reden, wenn uns die Entwicklung unseres wirksamen Ich ein echtes Anliegen sein will. Das Ego ist die G e b ä r m u t t e r des Ich.
      Von daher gesehen hat das Ego eine höchst bedeutsame Funktion. Es als Unter-Ego einzustufen sehe ich deshalb als problematisch an. Ich denke vielmehr, dass innerhalb eigenen spirituellen Bemühens höchste Achtsamkeit geboten ist derartige verdeckte Rasereien im eigenen seelischen Verhalten nicht zu übersehen und unversehens auf Klienten zu übertragen. Aus entsprechenden Erfahrungen in der Praxis weiss ich, dass dies nicht selten eine Ursache dafür ist, wenn sozialtherapeutische Prozesse stagnieren.
      Die „tatsächliche“ und nicht nur vorgestellte Augenhöhe zu einem Klienten einzunehmen und auch durchzuhalten ist kein leicht Ding. Sich durchgehend „bewegt in Bewegung“ haltend und immer umfänglicher den Regungen eines Klienten innerlich vorstellungsfrei zu folgen ist eine grosse Kraftherausforderung an tiefer und tiefer sich individualisierend fliessender Konzentration, wie einem Willen zur Zurückdrängung des Leibes im gleichen Atemzug.
      Die mit diesen Worten skizzierte Anstrengung ist gleichzeitig ein Verweis auf die dynamische Aufstiegsbewegung, korrespondierend zu dem von Dir charakterisierten Abstieg in eine Unter-Ego Ebene. Was aber ist nun genauer zurückzudrängen. Es ist die von vielen Selbstsichten geprägte eigene Wirklichkeit, die ich bis dato, also bis zur Begegnung mit „diesem bestimmten Klienten“ mir aus diversen Erfahrungen „leibhaft“ eingeprägt habe, mit dem ich es eben jetzt in Folge meines professionellen Auftrages zu tun habe. Und eben just an dieser Schwelle vollzieht sich etwas oder wird übersehen, was in meinen Augen für den Beginn wie den Fortgang eines therapeutischen Prozesses von grosser Bedeutung ist. Leeres, höchst virulentes Bewusstsein zwischen mir und dem Klienten will hergestellt sein oder es öffnen sich von allem Anfang an Tür und Tor für die mannigfaltigsten Illusionen, die sich an vermeintliche Phänomene des therapeutischen Verlaufs unscheinbar wie Kletten anheften. Vergangenheitsbezogene Vorstellungen entern unscheinbar den therapeutischen Gesprächsraum.
      Die fachliche Professionalität ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite bildet die spirituelle Professionalität. Wo ich innerlich nicht uneingeschränkt annehmen kann, dass ein z.B. sehr labiler und psychisch stark angeschlagener Klient der in diesem Augenblick mir gegenüber stehende Meister für den Fortgang meiner eigenen spirituellen Schulung ist, stehe ich nicht am Scheitelpunkt zeitgemässer Wirklichkeitsbildung. Ich stehe nicht am Scheitelpunkt, weil ich die vielleicht grössere seelische Verhärtung bei mir nicht bemerken will und kann.
      Seelische Beobachtung und sokratisches Fragen sind in meinen Augen die in sich dynamischen Elemente, die hier geübt sein wollen. Seelische Beobachtung fusst auf der Bereitschaft zu ernsthafter Selbstkritik, ohne wenn und aber und die Fragemethode des Sokrates, sie kann einen Raum bilden helfen, in dem atmende Ichprozesse an einer erweiterten Wirklichkeit selbstbildend bauen können. Ohne den immer wieder neuen Durchgang durch die Erfahrung des „ich weiss, dass ich nicht weiss,“ jene atmende Leere, die ich oben schon ansprach — keine an die Wurzel reichende Heilung im Ich-Du Raum.
      Ich weiss, das hört sich sehr streng an, aber ich sehe das so und will mir vor dem Hintergrund langer Wege hier nichts mehr vorgaukeln. Das Ich Erwachen birgt eine eigene Strenge in sich, die anzunehmen niemand einem anderen Menschen ansinnen kann. Ich Erwachen ist an keine Bedingung gebunden, sondern eine Entscheidung aus der angenommenen Selbstkonfrontation mit dem Du, also auch mit dem Klienten. Es kann einzig und allein aus der Konklusion eigenen Erfahrens selbstverantwortlich nur sich selber zugesprochen und auf dem Weg gehalten werden.
      Der Klient oder auch der einfache Bürger in einem Supermarkt als Meister für die weiter voran zu treibende eigene Entwicklung! Das Du im Hashtag Modus auf Internet Foren und vieles mehr kann zur Frage an Dich werden. Wieweit willst Du dem Abstieg in die tiefsten Höhlen der Egomanie zusehen ohne an im Angesicht dessen zu konstatierenden Phänomenen Dir selber die Aufforderung zuzusprechen Deinen Aufstieg in eine verstärkte Ich-Ausdrucksdimension entschiedener voranzubringen? Dieses wird von einem bestimmten Augenblick an zu leise wiederkehrenden Frage an dich. Zur Frage auch aus der Höhle des Platon nach oben zu steigen, in der Du Dich Deinerseits unscheinbar gefangen sehen kannst, wenn Du die Phänomene derer Du ansichtig wirst in ihren Korrespondenzen näher selbsterkennend untersuchst.
      Aristoteles mischte sich zu seiner Zeit in Abgrenzung zu den Gelehrten aus Eleusis unter das gemeine Volk auf den Marktplätzen von Athen. Wie weit seine Forschungen zum Aktus gerade dort ihren Entwicklungsnährboden fanden wäre hochinteressant näher zu erkunden. Ich halte es für möglich, dass seine Metaphysik in der Zukunft noch ganz anders gelesen werden kann als bis anhin.
      Bernhard Albrecht

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      1. Lieber Bernhard Albrecht, Ja zu deinem Beitrag! Mein Blick geht aber in eine etwas andere Richtung. Das, was du beschreibst ist ja gewissermaßen eine Art Grundvoraussetzung für den individuellen und gleichermaßen sozialen Entwicklungsprozess. Mein Blick hat als Hintergrund die merkwürdige Figur des Dionysos. Das Eindringen in die dionysische Wirklichkeit des Lebens hat die Voraussetzung, dass mein Denken empfindungswirksam wird. Bestimmte Denkformen sind aber einfach nicht in der Lage solche Empfindungen auszubilden, die wiederum das Leben, das Lebendige, empfindungsfähig werden lassen. Also Bewusstsein wird Leben; Leben wird Bewusstsein. Die Raserei entsteht an der Stelle, an der Bewusstseinsformen auf das zusammenhängende Leben treffen, die diese elementaren Verhältnisse chaotisieren. Die elementaren Verhältnisse in unserem Organismus und in der Natur sind aber auf solche Empfindungsmöglichkeiten angewiesen. Dionysos wird zum fürchterlichen Gott in den Menschen, die mit einem nicht angemessenen Denken und in der Folge mit nicht angemessenen Empfindungen in die Elementarwelt, das heißt in das Leben eindringen.
        Eine Ursache für dieses Geschehen liegt in der zunehmenden Aushöhlung des alten Selbstgefühls, seit der Mitte des letzten Jahrhunderts und der damit einher gehenden Notwendigkeit, dieses schwächer werdende Selbstgefühl (als Grundlage des Egos) zu substituieren, also zu ersetzen und künstlich zu verstärken. Das Abnehmen des natürlichen und früher meist gruppenhaften Selbstgefühls ist aber ein Prozess der notwendig ist; er führt aber in krisenhafte Zuspitzungen, oder den horro vacui, also in eine Leere und Langeweile, die nur durch eigene individuelle Produktion wieder neu erfüllt werden kann. (Beuys war nicht zufällig genau in der zentralen Phase dieses Prozesses in dieser Richtung hin wirksam). Es ist ein gewisser Schwellenübergang in dieser Richtung hin erfolgt. Und dadurch entsteht natürlich auch die ungeheure Situativität in jeder Begegnung und die Möglichkeit, dass sie in die eine oder andere Richtung (oder beides) sich entwickelt. Und schon die Beurteilung darüber nicht mehr nach ‚bürgerlichen‘ Maßstäben möglich ist, sondern sich erst mit der Zeit zeigt….

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  5. Lieber Roland. Ich sinne über Deine Antwort nach und wage eine erweiternde Ansage, die einen innerlich möglicherweise schmerzhaften Ruck auslösen kann. Weichst Du mir in Deinem Sagen nicht vielleicht „unmerklich“ ein wenig aus, denn prozesshaftes Denken kann ohne eine vertiefende Vergegenwärtigung auf eigene Empfindungen hin überhaupt nicht in Gang kommen?

    Die im Umraum des Denkens sich bildenden Empfindungen müssen nämlich begleitend so weit geklärt werden, dass ich selbst nicht mehr in einer abhängigen Bindung zu ihnen stehe, was heisst, dass ich lerne ihnen frei in der inneren Anschauung gegenüberzustehen, ohne in der einen oder anderen Weise mich von ihnen da oder dorthin ziehen zu lassen. Ich bin also aufgefordert Herr im inneren Erlebnis-Umraum zu werden, Herr im eigenen Haus zu sein. Insofern kann seelische Beobachtung auch als ein gleichsam spagyrischer Reinigungsprozess gesehen werden.

    In der seelischen Beobachtung geht es um äusserste Exaktheit im Umgang mir selber gegenüber, sind Empfindungen, die zunächst an die eigenen inneren Denkfiguren gebunden auftreten auf ihre Bindungsgegebenheiten hin genauestens zu untersuchen. Nur insoweit dies fortlaufend immer tiefer geschieht, ist die seelische Beobachtung ein wissenschaftstaugliches Instrument. Rudolf Steiner stellt damit höchste Anforderungen an diejenigen Menschen, die sich als Repräsentanten einer weiter zu entwickelnden Geisteswissenschaft sehen wollen.
    Wenn ich vor diesem Hintergrund Deine Aussage „bestimmte Denkformen sind aber einfach nicht in der Lage solche Empfindungen auszubilden, die wiederum das Lebendige empfindungsfähig werden lassen,“ die also im Sinne Deines weiteren Wortlautes „Bewusstsein ins Leben“ hineintragen und umgekehrt „Leben in Bewusstsein“ erwachsen lassen näher betrachte, dann frage ich mich: „Überhebst“ Du Dich damit genauer besehen nicht ein wenig, triftest in eine duale Anschauungsweise ab, wo es doch darum geht nonduale Brücken im Sozialen zu bauen?
    Oder noch konkreter, was ist es, das mich eben jetzt seitwärts blicken lässt, mir Nebenwege vorgaukelt und möglicherweise die tiefere Verankerung in mir, die Betrachtung des Hier und Jetzt leise unterwandert. An den stillen Quelldolen des in Wirksamkeit hinein sich befreienden Ich geschieht Herausforderndes, das die eigene Aufrechte auf ihre tatsächliche Bodenhaftung hin prüft, immer wieder und hartnäckig. Solange, bis wir bereit sind die Schlangenwege zu verlassen uns selber aus dem Weg zugehen, indem wir vermeintlich alleine notwendig unseren Blick „nur“ auf den jeweils anderen Menschen richten.
    Sind es nicht wir, die mit unserer Empfindungsfähigkeit in Vorleistung gehen müssen, damit die Empfindungen Anderer daran Orientierung erleben und sich „erkannt fühlend“ über sich hinaus wachsen können? Das auch noch so leise Beklagen, was nicht ist bringt die Welt um keinen Quadratmillimeter weiter nach vorne. Jedoch ist in scheinbar „nur“ rudimentären Empfindungen für den, der sich darum bemüht ein Rauschen in der Tiefe zu vernehmen, das unter geeigneter Hilfestellung sich in vertiefte Empfindungen hinein befreien und ausdrücken lernen kann – soweit meine Erfahrung.
    Im Übrigen ist die Qualifizierung einer sogenannten „minderen“ Empfindungsfähigkeit im Äquivalent vielleicht auch mehr an die Trägheit, um nicht zu sagen an die innere Faulheit des jeweiligen Umgebungsfeldes und seiner Akteure gebunden, die vor lauter (geistes)wissenschaftlichen Meta-Diskussionen das notwendige praktische Handling, das aus anhaltenden seelischen Beobachtungen hervorgehen könnte schlichtweg vernachlässigen.
    Derartiger Selbstkritik wird jedoch gerne ausgewichen, womit ich keine Kritik gegen irgendwen ausdrücke, also auch nicht per se gegen Dich, sondern nur ein weiteres Mal auf die seelische Beobachtung verweise, die derartige Ausweichmanöver im eigenen Ausübungsprozess dieser Methode einem oft genug vor Augen stellen kann. Wenn Bewusstsein in Leben hineinwachsen will hat die Prüfung dessen was ist in meinen Augen primär bei einem selbst anzusetzen. Alles andere endet nur in dualen Selbstfesselungen und unterstützt damit indirekt die weitere Aushöhlung des Selbst von der Du sprichst.
    Natürlich hast Du recht wenn Du von der Aushöhlung des Selbstgefühls in unserer Zeit sprichst. Doch gilt in meinen Augen auch hier, dass die eigene fort und fort entwickelte Empfindungsfähigkeit hier vor ungeahnten Möglichkeiten steht dies jeweils situativ auch verändern zu können. Dabei ist es allerdings nicht zu umgehen, dass Du Deinem eigenen Horror Vacui begegnest und innerhalb dessen den vielfältigen Scharaden des Dionysos. Dies solange, bis, wie ich schon sagte Du Dir nicht mehr selber ausweichst, Dich im dauerhaften inneren Gleichgewicht einfindest in der Spur des wirksamen Ich.
    Das wirksame Ich ist die Frucht strengster Selbstkritik, einer Selbstkritik die in die notwendige Tiefe hinein heute allein aus der seelischen Beobachtung hervorgehen kann. Hierin ist Rudolf Steiner so ungemein modern – was bisher aus meiner Sicht nicht annähernd wirklich erfasst wurde – weder von Anthroposophen, noch von diversen Vertretern der gängigen wissenschaftlichen Forschung. Rudolf Steiner hat nämlich mit dieser Methode der kritischen Forschungsweise der Naturwissenschaft jenes Element hinzugefügt, das sicherstellen kann, dass der Mensch und die tatsächliche, nicht nur halbherzig nachgeschobene Achtung seiner Würde in der wissenschaftlichen Forschung präsent, sprich wirksam bleiben kann. Er hat damit auf nicht weniger verwiesen, als dass die Aufklärung der Vergangenheit und die mit ihr einhergehende Ausbildung nach aussen gerichteter kritischer Forschung ergänzt werden müsse um eine nicht minder kritische Forschung des inneren Selbstgefüges des Menschen. Andernfalls würde der in die abstrakte innere Diaspora vertriebene Mensch die lebendige Anbindung an den Geist nur verlieren können.

    Bernhard Albrecht

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